„Es geht um das Potential der Schnittstellen zwischen physikalischen und digitalen Räumen.“

Auf der Biennale von Venedig thematisiert Dr. Sonja Berthold gemeinsam mit ihrem Spacecouncil-Team die Interaktion von Künstlicher Intelligenz und urbanem Raum. Warum sie dabei mit dem Boulevard der Zukunft an ein städtebauliches Konzept des 19. Jahrhunderts anknüpft, wie sich urbaner Raum bewohnerspezifisch gestalten lässt und was KI für den ÖPNV leisten kann, erläutert sie im Interview mit dem RegioSignaleBlog.

RegioSignaleBlog: Der Boulevard steht trotz seines Alters offensichtlich noch hoch im Kurs. Sonst hättet ihr ihn wohl kaum als Metapher für den digitalen Relaunch des öffentlichen Raums genutzt. Läutet die Interaktion von KI und urbanem Raum die nächste städtebauliche Epoche ein, so wie der einst von Haussmann für Paris entworfene Boulevard?

Sonja Berthold: Die Boulevards Haussmann’s, wie die Rue de Rivoli, wurden geschaffen, um der Stadt Luft und Freiraum zu geben, die verschiedenen Teile der Stadt zu verbinden und zu einem Ganzen zu vereinen und sie zu verschönern. Wir haben den Boulevard als Typologie in seiner Funktion untersucht und festgestellt, dass wir ihn durch digitale Technologien wie KI von einem Automobil-fokussiertem Raum zu einem grünen Raum für die Menschen transformieren können. Weniger Raum für den Individualverkehr durch autonomen öffentlichen Verkehr und mehr Raum für innovative Konzepte für die Bepflanzung mit Bäumen und grüne Fassaden. Wir glauben, dass wir diese starren, über Generationen gewachsenen Strukturen und Typologien und besonders die Art ihrer Nutzungen mit Hilfe Künstlicher Intelligenz flexibilisieren können und dieses Potenzial auch nutzen sollten, um neue Formen städtischen Miteinanders zu ermöglichen. Denn wir sind fest überzeugt, dass der Erfolg der künftigen Stadt hauptsächlich von der Qualität der gemeinsam genutzten Räume abhängt.


RegioSignaleBlog: Wie kann man sich diese Räume konkret vorstellen?

Sonja Berthold: Das sind Orte, in denen Begegnungen zwischen Menschen, der Natur und KI stattfinden können. Manchmal gleichzeitig, mitunter nacheinander oder auch miteinander. Entscheidend ist, dass diese Räume verschiedene Maßstäbe haben können. Ganz gleich, ob weit und großzügig wie ein Boulevard oder klein wie Hinterhöfe – Räume lassen sich beleben und ermöglichen Begegnungen, wenn man sie entsprechend gestaltet oder kuratiert. KI läutet also vielleicht keine neue städtebauliche Epoche ein. Aber sie kann die Qualität dieser Begegnungen verstärken und die Möglichkeiten gemeinsamer Raumerlebnisse um eine neue Dimension erweitern.


RegioSignaleBlog: In Büro- oder Wohntürmen findet das ja bereits statt. Digitale Nutzungskonzepte, die Räume und Menschen nach definierbaren Kriterien miteinander verbinden oder voneinander trennen, sind dort der letzte Schrei. Wächst diese Entwicklung jetzt aus den Gebäuden in die Stadt hinein?

Sonja Berthold: In unseren Räumen wird niemand gezwungen, sich in dieser oder jener erweiterten Realität aufzuhalten nur weil es gerade angesagt ist. Ich finde es sehr wünschenswert wenn sich durch digitale Technologien neue Freiheiten, aber keine Zwänge ergeben. Wir sehen bereits viele gelungene Anwendungen, die sich auf die Stadt übertragen lassen. Dazu gehören Kriterien wie Zugang, Sicherheit und Vertrautheit. Partizipative Prozesse in der Gestaltung öffentlicher Räume spielen aber auch eine wichtige Rolle. Künstliche Intelligenz kann definitiv einen wirksamen Beitrag dazu leisten, die Bedürfnisse der Bewohner in die Tat umzusetzen. Nicht nur, weil sie Räume in Echtzeit bühnenartig gestalten kann. Sondern vor allem deshalb, weil sie Räume ermöglicht, die sich durch die wiederholte Interaktion mit ihren Nutzer:innen weiterentwickeln, also selbstlernend sind.


RegioSignaleBlog: Aber macht KI die Stadt am Ende nicht überflüssig, weil sie sie letztlich auf eine Projektionsfläche reduziert und die Projektion online überall verfügbar macht?

Sonja Berthold: Im Gegenteil. Wir bewegen uns ja an den Schnittstellen zwischen physikalischen und digitalen Räumen. KI soll die Qualität eines Ortes verbessern und Interaktion fördern. Beides ist aber rein virtuell unmöglich, weil es konkrete Räume und reale Menschen mit echten Bedürfnissen voraussetzt. KI und erweiterte Realitäten können aber einen Informationsaustausch zwischen Menschen, der Natur und mobilen Vehikeln in Gang setzen, den es so noch nie gegeben hat. Eines der Beispiele, die wir auf der Biennale präsentieren, ist KI-gestütztes Noise-Cancelling. Das ermöglicht Gespräche auch dort, wo man sie bisher nicht führen konnte oder wollte, weil es dazu schlicht zu laut war. KI kann aber natürlich auch bei der Weiterentwicklung öffentlicher Mobilität wertvolle Dienste leisten, kann Bedürfnisse ermitteln und daraus Verbesserungsvorschläge ableiten. Ganz gleich, ob es um Infrastruktur, effizienten Ressourceneinsatz, Transparenz des Ökosystems oder die Beantwortung der Frage geht, wie wir morgen mobil sein möchten.


RegioSignaleBlog: Der Ideenzug liefert dafür ja schon einige Anregungen. Mal durch die KI-Brille betrachtet: Welche Eindrücke nehmen Sie aus der Besichtigung mit?

Sonja Berthold: Viele natürlich. Ganz besonders aber, dass einmal bereitgestellte Innovationen jahrelang in Betrieb bleiben, ohne geändert oder angepasst werden zu können. Für die heutige Zeit ist diese Technologie zu starr. Anforderungen und Bedürfnisse ändern sich heute sehr viel schneller. Deshalb brauchen wir Lösungen, die kürzere Feedback-Zyklen, flexiblere Entwicklungspfade und eine höhere Innovationsgeschwindigkeit ermöglichen. Schließlich geht es darum, Zukunft zu gestalten – und KI kann den Menschen dabei wirksam unterstützen.