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 „Wir wollen mehr aus den Bahnhöfen machen!“

Der IdeenzugCity hatte gerade Premiere, Station & Service testet bereits an 16 Zukunftsbahnhöfen Innovationen, die Bahnhöfe attraktiver machen. Worauf es an den Schnittstellen zwischen Zug und Bahnhof ankommt, erläutern Inga Schlichting, Leiterin Produktentwicklung Station & Service, und Mario Theis, Leiter Kompetenzcenter Erlösmanagement und Produktinnovation DB Regio, im RegioSignaleBlog.

RegioSignaleBlog: Bei der Entwicklung des IdeenzugCity standen Kapazität und Aufenthaltsqualität ganz oben auf der Prioritätenliste. Welche Schwerpunkte setzt Station & Service bei den Zukunftsbahnhöfen?

Inga Schlichting: Wir ticken da sehr ähnlich. Genauso wie die Kolleg:innen beim Zug schauen wir erst einmal darauf, was der Bahnhof verkehrlich leisten muss. Dann überlegen wir, wie man diese Anforderung mit der gewünschten Aufenthaltsqualität zusammenbringt. Dabei steht die Kundenperspektive im Zentrum unserer Überlegungen. Es gibt also viele Parallelen.

RegioSignaleBlog: In Räumen, die auf Transitfunktionen und Kapazitätsmaximierung spezialisiert sind, sicher keine leichte Aufgabe. Wie gehen Sie da methodisch vor?

Inga Schlichting: Mit unseren Zukunftsbahnhöfen betreiben wir seit zwei Jahren eine systematische, ganzheitliche und den gesamten Bahnhof berücksichtigende Produktentwicklung. Dazu gehört zum einen, dass wir Bahnhöfe in Funktionszonen wie Laufwege, Empfangs- oder Aufenthaltsbereiche denken, für die es eine Reihe verschiedener Layouts gibt. Gleichzeitig wollen wir Bahnhöfe aber nicht auf ihre Transitfunktion reduzieren, sondern mehr aus ihnen machen: Wir möchten, dass sie einladend sind, auch und gerade für die Menschen im Quartier. Das gilt für große wie kleine Bahnhöfe und wir möchten sie so ausstatten, dass das auch möglich ist.

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RegioSignaleBlog: Bis 2030 soll sich die Anzahl der Fahrgäste verdoppeln. Welche Rolle spielen künftige Kapazitätsanforderungen an die Bahnhöfe in Ihren Überlegungen?

Inga Schlichting: Die erwarteten Zuwächse sind natürlich ein Riesenthema. Wir analysieren, wo sie in den nächsten 10 bis 20 Jahren stattfinden werden, wie wir dort kapazitativ aufgestellt sind und was nötig ist, um den künftigen Anforderungen gerecht werden können. Laufwege sind da ein zentrales Thema, genauso wie optimierte Wegeleitungen und eine intuitive Reisendeninformation und -leitung.

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Sie stellt sicher, dass sich die Leute flüssig bewegen, weil sie nicht ständig stehen bleiben müssen, um sich zu orientieren. Aus demselben Grund müssen wir dafür sorgen, dass Fahrgäste reibungslos aus dem Strom der Reisenden in Aufenthaltsbereiche ausscheren können. Verweilpunkte, die klar signalisieren, wo Reisende gerne pausieren können, spielen in diesen Szenarien deshalb ebenso eine bedeutende Rolle. Am Ende kann man diese kapazitätsorientierte Gestaltung bis auf das Mobiliar herunterbrechen. An hochfrequentierten S-Bahn-Stationen werden dann eben mehr Lehnmöbel verbaut, weil anderes Wartemobiliar den Fluss der Reisenden bremsen und die Kapazität einschränken kann.

RegioSignaleBlog: Durch den multifunktional gestalteten Fahrgastraum verfügt der Ideenzug über deutlich mehr Kapazität, breite Türen erleichtern den Ein- und Ausstieg. Was zählt, wenn es danach auf dem Bahnsteig zügig weitergehen soll?

Mario Theis: Mit dem IdeenzugCity stellen wir zahlreiche innovative Lösungen für den Bahnverkehr in Deutschlands Metropolregionen vor. In diesen Verkehren haben Kapazität und Funktionalität natürlich eine sehr hohe Priorität. Trotzdem darf die  Aufenthaltsqualität nicht leiden. Wichtig ist der zügige Ein- und Ausstieg trotz großer Menschenmassen. Das fällt leichter, wenn ich bereits vor Ankunft des Zuges am Bahnsteig informiert werde, wo ich einsteigen kann und wo ich im Zug einen Platz finde. Ähnliches gilt für den Ausstieg: Auch hier muss ich bereits im Zug wissen, in welche Richtung es am Bahnsteig weitergeht. In den Metropolzügen und an stark frequentierten Bahnhöfen kommt es deshalb vor allem auf eine zeitgemäße Reisendeninformation und eine auf die betrieblichen Anforderungen zugeschnittene Kapazitätslenkung an. 

Inga Schlichting: Gleichzeitig muss an den hoch frequentierten Bahnhöfen auch die Aufenthaltsqualität stimmen. Die Reisenden sollen sich auch bei großer Betriebsamkeit wohlfühlen können. Bei den Bahnhöfen in der Fläche ist es umgekehrt. Dort wollen wir den Kunden mehr Lebendigkeit bieten. Heute gibt es hier oft nicht viel mehr als einen Fahrkartenautomaten und eine Drahtgitterbank. Wenn diese Stationen für das System Schiene werben sollen, müssen wir ihnen also deutlich mehr Seele einhauchen. Allerdings gibt es davon so viele, dass wir hier vor einer großen finanziellen Herausforderung stehen und deshalb sehr effiziente Konzepte entwickeln müssen.

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RegioSignaleBlog: Werbung setzt ja auch gemeinsame Gestaltungselemente und eine kohärente Formensprache voraus. Ist das bei den enormen Unterschieden zwischen kleinen Stationen und großen Bahnhöfen überhaupt realisierbar?

Inga Schlichting: Beide Räume haben etwas gemeinsam, und das sind Decken, Wände, Licht und natürlich der umbaute Raum selbst. Diese Elemente kann ich immer beeinflussen, ganz gleich, ob es um hochfrequentierte Bahnhöfe oder ruhigere Stationen geht. Deshalb arbeiten wir viel mit Farb- und Lichtkonzepten, der Materialität von Wänden oder Decken oder regionalen architektonischen Eigenheiten. Es gibt also viele verbindende Elemente, Aufenthaltsqualität übergreifend zu gestalten und so die Wertschätzung zu verdeutlichen, die wir unseren Kunden und Kundinnen entgegenbringen.

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Mario Theis: Wobei man in Hinblick auf Entwicklungspotenziale deutlich zwischen den Örtlichkeiten unterscheiden muss. Viele Bahnhöfe befinden sich zentrumsnah und eignen sich hervorragend als Begegnungsfläche. Es gibt aber auch Bahnhöfe in Ortrandlagen. Dort wird es schwer, ein Quartier einzubinden beziehungsweise Bahnhöfe regelmäßig ins Leben vor Ort einzubinden. Auch hier gilt es aber, eine adäquate, funktionale Aufenthaltsqualität sicherzustellen. Andererseits haben wir viele Bahnhöfe, die trotz geringer Frequenz großes Potenzial haben. Die Zukunftsbahnhöfe Haltern am See, Renningen oder Wernigerode zeigen beispielhaft, dass sich mit innovativen Konzepten auch an kleineren Orten attraktive Räume realisieren lassen, in denen sich Menschen gerne aufhalten, weil sie sich dort wohlfühlen.

RegioSignaleBlog: Wie nehmen Sie die Zukunftsbahnhöfe wahr, wenn Sie durch die Ideenzug-Brille schauen? 

Mario Theis: Ich würde sagen, Station & Service ist mit den Zukunftsbahnhöfen schon deutlich konkreter in der Umsetzung als wir mit dem Ideenzug. Allerdings haben sie es auch etwas einfacher, weil sie Ideen im echten Leben schneller umsetzen und ausprobieren können. Das können wir fast gar nicht, weil der Weg von der Idee in die Praxis ungleich länger und teurer ist. Wir können viele Elemente nicht mal eben in einen Zug einbauen. Bis solche Innovationen bei uns in den Alltag finden, vergeht mehr Zeit. Aber genau deshalb finde ich die Art und Weise, wie die Kolleg:innen bei Station & Service experimentieren und Innovationen ausprobieren so beispielhaft und inspirierend