„Mobilität ist inkludiert. Wir denken unsere KoDörfer auch als Mobilityhubs.“

Der Drang in die Städte ist zwar ungebrochen. Aber es gibt auch Gegenbewegungen. Neulandia gehört dazu. Das Unternehmen beschäftigt sich mit neuem Leben und Arbeiten auf dem Land und entwickelt Wohn- und Arbeitsmodelle vor allem für Gemeinschaften von Kreativen und Digitalarbeiter:innen. Wie Neulandia das macht und welche Rolle Mobilitätskonzepte dabei spielen, erläutert Geschäftsführer Frederik Fischer im Interview mit RegioSignaleBlog.

RegioSignaleBlog: Frederik, ganz kurz und knapp: Was macht Neulandia?

Frederik: Wir beraten Kommunen und betreuen Baugruppen, im Kern arbeiten wir aber vor allem für zwei Projekte: Die KoDörfer und den Summer of Pioneers. Beim KoDorf bauen wir gemeinsam mit dem Architekturbüro agmm und der Vielleben Genossenschaft tatsächlich ganze Quartiere im ländlichen Räumen, bestehend aus vielen kleinen ökologisch gebauten Häusern und großen Gemeinschaftsräumen wie Co-Working Spaces, Veranstaltungsflächen, Gastronomie, Werkstätten und so weiter. Beim Summer of Pioneers nutzen wir Leerstände und schnüren gemeinsam mit Kommunen so eine Art Rundum-Sorglos-Paket für Gruppen von 20 Kreativen und Digitalarbeiter:innen, die dann einfach mal ein halbes Jahr testen können, wie ihnen Landleben und Co-Working passen. Dafür bekommen sie Wohnungen und Co-Working Spaces gestellt. Als Gegenleistung engagieren sie sich in ehrenamtlichen Projekten für die Menschen vor Ort. Das große Ziel, das wir im Auge haben, ist eine gemeinwohlorientierte Regionalentwicklung. Das entspricht auch dem wesentlichen persönlichen Antrieb unserer Genossenschaftsmitglieder. Ihnen ist gemeinwohlorientierte Selbstwirksamkeit unglaublich wichtig.

RegioSignaleBlog: Was für Leute sind das, die sich für diese Projekte interessieren?

Frederik: Die KoDörfer sind ja Genossenschaften und sie entstehen, weil die Menschen, die darin wohnen möchten, sie auch mitfinanzieren. Das geht in einem Genossenschaftsmodell auch leichter als bei einem Bauträgermodell, so dass wir bei unseren Projekten mehr Leute mitnehmen können. Das merkt man auch an der Altersspanne. Die fängt so bei Ende 20 an und reicht bis ins Rentenalter hinein und es sind viel Familien und junge Paare dabei. Klar, es geht ja auch darum, ein neues Leben auf dem Land zu beginnen. Beim Summer of Pioneers ist die Struktur logischerweise ganz anders, weil ein kompletter Ortswechsel für ein halbes Jahr für die meisten Familien nicht in Frage kommt.

RegioSignaleBlog: Welche Rolle spielt Mobilität in Euren KoDöfern?

Frederik: Da merken wir tatsächlich eine große Veränderung durch Corona. Vor Corona war ein Bahnanschluss praktisch zwingend, am besten gleich vor der Haustür. Beim Summer of Pioneers in Wittenberge, Brandenburgs einziger Stadt mit einem ICE-Halt, haben wir das besonders deutlich gespürt. Im Laufe der Pandemie haben wir dann aber festgestellt, dass das Interesse an Orten ohne gute Bahnanbindung spürbar zugenommen hat. Der Bahnanschluss selbst bleibt natürlich trotzdem total wichtig. Nur sind die Leute jetzt eher bereit, einen Mobilitätmix zu nutzen und fahren dann eben mit dem Fahrrad zum Bahnhof. Außerdem gibt es Car-Sharing. Aber das wird von den meisten nur zögerlich angenommen, weil die Leute ja nicht zuletzt der vielen Autos wegen die Stadt verlassen haben.

RegioSignaleBlog: Organsiert Ihr Eure Mobilität gemeinsam oder machen das alle für sich selbst?

Frederik: In den KoDörfern ist Mobilität inkludiert und wir denken sie auch als Mobilityhubs. Die Quartiere sind autofrei, aber dafür gibt es Car- und BikeSharing-Angebote. Wir organisieren einen Teil unseres Mobilitätsbedarf also selbst.

RegioSignaleBlog: Legt Ihr auf der letzten Meile dann überhaupt noch Wert auf öffentlich bereitgestellte Mobilität? Oder stellt Ihr einfach ein paar E-Bikes mehr in die Garage, wenn der Bus nicht oft genug kommt?

Frederik: Eigentlich eher Letzteres. Wir brauchen für die letzte Meile nicht zwingend ein öffentliches Mobilitätangebot. Zumal das in der Fläche so unzureichend ist, dass ein paar Verbindungen mehr oder eine etwas bessere Taktung auch keinen großen Unterschied machen. Wenn es mal autonome Busse gibt, freuen wir uns natürlich. Aber das ist jetzt nichts, worauf wir warten. Was für uns eher eine größere Rolle spielt, worauf wir aber keinen Einfluss haben, sind Radwege. Mit E-Bikes und Lastenrädern ist die Bereitschaft, auch längere Strecken mit dem Rad zurückzulegen, enorm gewachsen. Aber die meisten Leute fahren nun mal nicht gerne auf der Straße.

RegioSignaleBlog: Stoßt ihr mit dem Wunsch nach Radwegen in den Kommunen auf offene Ohren?

Frederik: Die Bürgermeister, mit denen wir zu tun haben, sind da durchaus aufgeschlossen und wir müssen auch nicht gegen Widerstände ankämpfen. Aber es ist natürlich auch nicht so, dass wir überall neue Radwege bekommen, zumal Kommunen das oft auch gar nicht selber entscheiden können.