„Im Kern geht es immer darum, die Betroffenenperspektive einzubringen.“

Shai Hoffmann ist Sozialunternehmer. Er macht sich für eine breitere gesellschaftliche Teilhabe stark und geht dafür gelegentlich auch mit einem 49 Jahre alten Doppelstockbus auf Tour. Zuletzt vor einem Jahr in Frankfurt, davor mit dem Bus der Begegnung quer durch Deutschland. Sein Motto: Die eigene Filterbase verlassen, Menschen zuhören, andere Lebensrealitäten kennenlernen.

RegioSignaleBlog: Shai, im November 2020 bist Du innerhalb der D-A-CH-Region zu den“LinkedIn Top Voices 2020” gewählt worden. Diesen Einfluss nutzt Du, um Dich für ein inklusiveres soziales Miteinander einzusetzen. Welche Rolle spielt bei Deinen Aktionen der Bus?

Shai Hoffmann: Bei meinem bisherigen Engagements für mehr gesellschaftliche Teilhaben habe ich gelernt, dass es im Kern immer darum geht, die Betroffenenperspektive einzubringen. Also sind wir vor der Bundestagswahl 2017 mit dem Bus der Begegnung auf Tour gegangen, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die sich abgehängt fühlen. Der alte Doppelstöcker hat natürlich die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich gezogen und wir haben die Leute dann eingeladen einzusteigen. Weil sich die Besucher im Inneren meist sehr wohl gefühlt haben, sind dann auch oft sehr spannende und durchaus auch persönliche Gespräche entstanden.

RegioSignaleBlog: Wie seid ihr mit Euren Gästen ins Gespräch gekommen?

Shai Hoffmann: Meistens mit der einfachen Frage, wie es ihnen geht. Die meisten antworten mit „Eigentlich ganz gut.“ Aber wenn man dann nachfasst, was eigentlich bedeutet, ist die Büchse der Pandora meist schon geöffnet. In solchen Situationen merkt man, wie wichtig bedingungsloses Zuhören ist und warum es eine zentrale Voraussetzung für gesellschaftliche Partizipation ist. Das gilt auch für die aktuelle Debatte um klimafreundliche Mobilität. In Hinblick auf das ÖPNV-Angebot fühlen sich viele nämlich wortwörtlich abgehängt und empfinden die Debatte rund um das Auto deshalb oft als bedrohlich.

RegioSignaleBlog: Du würdest Dir im Rahmen der Verkehrswende also mehr bedingungsloses Zuhören wünschen?

Shai Hoffmann: Definitiv. Wie wichtig das ist, hat sich auch bei der Ideenzug-Präsentation gezeigt. Da wies einer der Gäste mit Blick auf die angestrebte Verdoppelung der Fahrgastzahlen darauf hin, dass die Debatte um die Verkehrswende von demselben Wachstumsdogma getrieben werde, das im Rahmen der Klimadebatte in der Kritik stehe. Diesen Twist finde ich unglaublich spannend. Denn gemeinsam darüber nachzudenken, wie und warum wir Mobilität bereitstellen, gehört unweigerlich zu dieser Verkehrswenden-Debatte hinzu. Tatsächlich stellt niemand die Frage, ob es denn tatsächlich nötig sein wird, dass wir in zehn Jahren soviel mehr Menschen transportieren müssen. Womöglich wäre es ja viel sinnvoller, der Frage nachgehen, ob wir Räume nicht auch so gestalten können, dass Menschen gar nicht mehr so mobil sein müssen. Mobilität ist ja kein Selbstzweck und man pendelt ja auch nicht, weil es Spaß macht. 

RegioSignaleBlog: Was würdest Du der Mobilitätsbranche nach Deinen Bustouren mit auf den Weg geben wollen?

Shai Hoffmann: Ich würde zuerst einmal empfehlen, Gelegenheiten für Begegnungen zu schaffen, um Austausch, Partizipation und Identifikation mit dem Vorhaben zu stärken. Aus demselben Grund darf die Verkehrswende auch nicht paternalistisch mit erhobenem Zeigefinger daherkommen und die Leute zwingen, ihre Autos stehen zu lassen. Stattdessen sollte sie auf eine anziehende Art und Weise überzeugende Alternativen schaffen, die den Menschen den Umstieg auf den ÖPNV schmackhaft machen. Das wird allerdings kaum überall gehen, weil es in Deutschlands ländlichen Räumen nun mal viele Orte gibt, an denen die Leute zumindest bisher nicht auf ihr Auto verzichten können.

RegioSignaleBlog: In zehn Jahren wird zweidrittel der Bevölkerung in Ballungsräumen leben. Viele befürchten, dass die Kluft zwischen städtischen und ländlichen Räumen wächst. Siehst Du das ähnlich?

Shai Hoffmann: Mit der Urbanisierung wächst auch das Bedürfnis, Zeit draußen in der Natur zu verbringen. Das Land hinter dem Speckgürtel entwickelt sich zum Sehnsuchtsort, wie man schon während der Pandemie sehr gut beobachten konnte. Kulturinitiativen wie die Theaterflöße, die aus den Städten hinaus in das Land schippern, um dort ihre Inszenierungen aufzuführen, sind aber auch ein Indiz dafür, dass Stadt und Land mittlerweile auf viel mehr Ebenen miteinander interagieren, als das früher der Fall war. Dieser Vernetzungsprozess steht zwar noch am Anfang. Aber ich bin mir sicher, dass er Fahrt aufnehmen wird und Stadt und Land sich enger miteinander verschränken werden.

RegioSignaleBlog: Du glaubst also, dass die Urbanisierung Stadt und Land möglicherweise wieder zusammenführt? 
 
Shai Hoffmann: Ich sehe zumindest die Chance. Aber da muss man eben auch aktiv etwas für tun. Wenn wir die Räume mental und kulturell zusammenbringen möchte, müssen wir sie auch verkehrlich integrieren. Der ÖPNV wird dabei eine Schlüsselrolle spielen. Wenn urbane Ballungsräume und ländliche Regionen weiterhin lebenswert bleiben und miteinander gedeihen sollen, führt deshalb kein Weg an der Verkehrswende vorbei.