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 „Wenn man sieht, dass die Zeit zu knapp ist, rennt man gar nicht erst los!“

Die Wissenschaftler:innen des Design Instituts für Mobilität und Logistik DML sind sich sicher: Design ist ein Schlüsselfaktor für die Mobilitätswende, weil die konsequente Orientierung an den Bedürfnissen der Fahrgäste die Akzeptanz inter- und multimodaler Mobilitätsangebote erhöht. Im RegioSignaleBlog erläutert DML-Mitstreiter Julian Schwarze, was ihn an Tokyos Bahnhöfen so begeistert, wieso die letzte Tür der S-Bahn am Zukunftsbahnhof Offenbach nicht mehr so oft aufgehalten wird und warum es manchmal rationaler ist, sich auf das Gefühl anstatt den Verstand zu verlassen.

RegioSignaleBlog: Können Sie überhaupt noch in irgendeiner Stadt öffentliche Verkehrsmitteln nutzen, ohne dabei dauernd einen prüfenden Blick auf das Design der Stationen oder Fahrzeuge zu werfen – und ab und an vielleicht auch vom blanken Grauen heimgesucht werden?

Julian Schwarze: Natürlich fällt es einem als Designer schwer, Fehler zu übersehen, weil man eben auf viele Details achtet. Aber es geht schon noch. Im europäischen Vergleich gibt es ja sehr gute Ansätze, etwa in Kopenhagen oder den Niederlanden, an denen wir uns auch sehr, sehr gerne orientieren. Tokio ist aber ebenfalls sehr spannend. Dort ist das städtische Leben ganz stark mit den Bahnhöfen verbunden. Man trifft sich da, geht einkaufen oder geht auch dort aus. Das ist schon beeindruckend, selbst wenn man die Kommerzialisierung von Mobilität durchaus kontrovers diskutieren kann. Aber es gibt auch in Deutschland viele sehr gute Konzepte, etwa die Bahnhöfe Leipzig und Nürnberg, die immer wieder neue Ansätze bieten. Wir sind also auch hierzulande ziemlich gut aufgestellt.

RegioSignaleBlog: Das gilt wohl auch für Offenbach, wo Sie an der Umwandlung der S-Bahn-Station am Marktplatz in einen Zukunftsbahnhof beteiligt waren. Wie ist es dazu gekommen?

Julian Schwarze: Die Hochschule für Gestaltung hat vor rund sechs Jahren das Design Institut für Mobilität und Logistik gegründet. Daraus ist dann das Mobility Design Project mo.de entstanden, bei dem Humangeographie, Kommunikationswissenschaften, Verkehrsforschung und Stadtgestaltung unter Federführung der Fakultät für Design interdisziplinär zusammenarbeiten. Durch einen Zeitungsartikel über unsere praxis-orientierte Forschung sind wir dann mit DB Station und Service zusammengekommen und haben später gemeinsam ein experimentelles Projekt an der Hauptwache gestartet.

RegioSignaleBlog: Was haben Sie da gemacht?

Julian Schwarze: An der Hauptwache halten 48 S-Bahnen pro Stunde, 24 in jede Richtung. Die Züge sind dort so eng getaktet, dass Verzögerungen beim Ein- und Ausstieg schnell auf den Fahrplan durchschlagen können. Deshalb haben wir uns mit den 30 Sekunden beschäftigt, in denen der Ein- und Ausstieg stattfinden sollte, und überlegt, wie man dort durch gestalterische Maßnahmen Verzögerungen verhindern kann. Irgendwann hat sich im Laufe der Zusammenarbeit ein Kontakt zum Team vom Zukunftsbahnhof ergeben – und dann stand mit einem Mal die Frage im Raum, ob wir aus der Station Marktplatz Offenbach nicht einen Zukunftsbahnhof machen wollten.

Offenbach bhf-treppe

RegioSignaleBlog: Da ging es aber vermutlich um mehr als die 30 Sekunden beim Ein- und Aussteigen, oder?

Julian Schwarze: Die standen am Marktplatz tatsächlich nicht so im Vordergrund. Dafür waren aber an anderer Stelle Lösungen gefragt – beispielsweise, weil es regelmäßig vorkam, dass Fahrgäste die letzte Tür einer S-Bahn aufgehalten haben, damit Nachzügler es noch von der Rolltreppe in den Wagen schaffen. Das ist zwar nett gemeint. Aber wenn eine Tür nicht wie geplant nach 30 Sekunden, sondern oft erst nach über 90 Sekunden schließt, weil sie so lange aufgehalten wird, bringt das viel durcheinander. Wir haben also nachgedacht, wie man das in den Griff bekommt …

RegioSignaleBlog: … jetzt bin ich aber neugierig …

Julian Schwarze: … und sind nach einigem Hin und Her auf die Idee gekommen, schon im eine Ebene höher gelegenen Eingangsbereich zu kommunizieren, was unten an den Bahnsteigen passiert. Also haben wir einen Info-Würfel platziert, der für alle sichtbar anzeigt, in wieviel Sekunden die nächste S-Bahn losfährt.

Infowuerfel Offenbach

Tatsächlich ist dann genau das eingetreten, was wir angenommen hatten: Wenn die Leute sehen, dass die Zeit zu knapp werden könnte, um die S-Bahn zu erwischen, versuchen sie es meisten erst gar nicht, sondern warten einfach die nächste Bahn ab. Die Situation hat sich also entschleunigt und das Beispiel zeigt: Die richtige Information an der richtigen Stelle kann richtig viel bewirken. Mit dem Beginn der Corona-Pandemie wurde das noch viel deutlicher. Denn jetzt warten die Leute nicht mehr an den Bahnsteigen auf ihren Zug, sondern setzen sich im Eingangsbereich auf die Treppen und gehen erst kurz vor der Ankunft des Zuges zum Bahnsteig herunter. Rund um den Info-Würfel ist also ein Treffpunkt entstanden, den die Fahrgäste selbst geschaffen haben und den sie offensichtlich gerne nutzen.

RegioSignaleBlog: Hatten Sie damit gerechnet oder hat Sie dieses Verhalten eher überrascht?

Julian Schwarze: Ehrlich gesagt waren wir alle ziemlich überrascht. Wir hatten eher erwartet, dass die Leute die Zeit nutzen würden, um noch irgendwelche Kleinigkeiten zu erledigen. Aber dass sich rund um diesen Info-Würfel ein belebter Ort entwickelt, an dem man auch gerne verweilt, hätten wir nicht gedacht. Dabei wollen wir mit unserer Arbeit genau solche Entwicklungen ins Rollen bringen. Schließlich möchten wir, dass die Leute den Aufenthalt im ÖPNV und den dazu gehörigen Transferräumen als positive Erfahrung erleben. Weil das aber meistens viel stärker auf der emotionalen als der kognitiv-rationalen Ebene geschieht, beschäftigen wir uns so gerne mit weichen, emotionalen und unterbewusst wirkenden Faktoren. Das ist auch der Grund, warum wir gemeinsam mit Kognitionspsychologen untersuchen, wie Haptik, Licht und Töne die Wahrnehmung der Fahrgäste unterbewusst beeinflussen. Um noch einmal auf Tokyo zurückzukommen: Da spielt zum Beispiel jede Station ihren eigenen Ton ab, wenn ein Zug einfährt. Das mag nach einer Kleinigkeit klingen. Aber dieser Ton gibt den Stationen nicht nur eine eigene Identität. Er mindert auch den Stress bei den Fahrgästen, weil er ihnen unterschwellig das gute Gefühl vermittelt, am richtigen Ort und sicher zu sein.

RegioSignaleBlog: Hat die ÖPNV-Branche das mittlerweile erkannt, oder ist in Sachen Design immer noch Überzeugungsarbeit nötig?

Julian Schwarze: Design gewinnt tatsächlich immer mehr an Bedeutung. Gerade mit Blick auf den motorisierten Individualverkehr ist es aber auch an der Zeit. Denn es spricht viel dafür, dass die Verkehrswende wohl nur dann gelingen wird, wenn wir es schaffen, Autofahrer:innen für den ÖPNV zu gewinnen – und da wird die ÖPNV-Branche auch mit gutem Design überzeugen müssen. Schließlich gilt die Autoindustrie als eine der designstärksten Branche Deutschlands, investiert unglaubliche Summen in das Thema und bietet schon seit Jahren komplett individualisierbare Interieurs, mit denen sie spezifische Zielgruppen anspricht.