„Wir stehen vor einem Umbruch“

Bereits in sechs bis acht Jahren werden tausende autonome Shuttles im ÖPNV unterwegs sein, ist Dr. Thomas Huber, Leiter Innovative Verkehrskonzepte bei DB Regio Bus, überzeugt. Sie werden deutlich größer und schneller sein als die heutigen Shuttles – und die öffentliche Mobilität flexibler und attraktiver machen  

Zur IAA Anfang September brachten DB Regio Bus, der Landkreis Kelheim und die Münchner Verkehrsgesellschaft einen autonomen Elektro-Shuttle mit, der auf einem Rundkurs die Open Space-Bereiche der IAA verbunden hat. Sie selbst waren als Leiter Innovative Verkehrskonzepte bei DB Regio Bus ein gefragter Panel-Teilnehmer. Wie passt das zusammen? Ist die IAA auf Abwegen? Waren Sie bei der IAA auf Abwegen?

Dr. Thomas Huber: Nein, sicher nicht. Die IAA hat einen neuen Weg eingeschlagen und sich weit über den Pkw-Verkehr hinaus als Mobilitätsmesse und Mobilitätskonferenz aufgestellt. Es waren Mobilitätsanbieter dabei, nicht nur wir, sondern auch andere, die Mikromobilität war vertreten, ebenso beispielsweise Bike- und E-Bike-Hersteller. In den Diskussionsforen spielte Vernetzung eine große Rolle. Wir waren auf der IAA also durchaus richtig.

Die Shuttles, die bei der IAA fuhren und derzeit auch sonst eingesetzt werden, haben Platz für wenige Fahrgäste und sind mit geringer Geschwindigkeit unterwegs. Kann das ein Beitrag zur Verkehrswende sein?

Dr. Thomas Huber: Aber ja, sonst würden wir uns auf diesem Gebiet nicht engagieren. Die autonomen Shuttles, die wir heute einsetzen, sind in Kapazität und Geschwindigkeit zwar noch begrenzt, aber sie öffnen die Tür in die Zukunft. Die kommenden Fahrzeuggenerationen werden größer sein, schneller sein und auch keine Begleitperson mehr brauchen. Und in den nächsten sechs bis acht Jahren werden nicht mehr nur einzelne Shuttles unterwegs sein, sondern einige Tausend. Wir stehen da vor einem Umbruch im ÖPNV, der die Mobilitätskonzepte deutlich verändern wird. Und bereits die Shuttles, die wir heute haben, stoßen auf großes Interesse, weil sie den ÖPNV sinnvoll ergänzen. Sie schaffen ein Angebot, wo es bisher keines gab, nämlich auf kürzeren Distanzen und als Verknüpfung zu den klassischen ÖPNV-Systemen.   

Wo werden autonome Shuttles in Zukunft Ihren Platz im ÖPNV haben?

Dr. Thomas Huber: Überall dort, wo die Frequenz und Verfügbarkeit eine größere Rolle spielen als Kapazität und hohe Leistungsfähigkeit. In Wohngebieten, als Zubringer zu übergeordneten Systemen wie der S-Bahn, als ergänzende Elemente im Busverkehr. In urbanen und suburbanen, aber auch in ländlichen Räumen. Und dabei tariflich und verkehrlich immer in den ÖPNV.

DB Regio Bus ist Pionier beim Betrieb autonomer Shuttles. Bereits seit 2017 gingen im bayerischen Bad Birnbach die ersten autonomen Shuttles an den Start. Wie sind die Erfahrungen?

Dr. Thomas Huber: Wir sind in Bad Birnbach gestartet und haben dann viele Machbarkeitsstudien, Beratungen und Projektinitiativen in ganz Deutschland angestoßen oder begleitet. Daraus sind viele konkrete Verkehre entstanden, etwa in Hof, Kronach und Kelheim. Die Projekte werden mit großem Engagement von Kommunen und Gebietskörperschaften getrieben, von Bund oder Land gefördert und von der Wissenschaft und Industrie unterstützt. Das Zukunftspotenzial liegt ja auf der Hand. Und das sehen auch die Nutzerinnen und Nutzer. Da stoßen wir ebenfalls auf Begeisterung für die neue Technologie und vor allem für die neuen Mobilitätsangebote, die sonst nicht möglich gewesen wären.  

In Bad Birnbach ist jetzt eine Erweiterung geplant, wiederum eine Premiere, nämlich die Kombination autonomer Shuttles mit der App-basierten On Demand-Mobilität. Fahrerlose Shuttles stehen damit quasi auf Abruf zur Verfügung. Ist das der Weg zu einer individuellen öffentlichen Mobilität, was ja bislang eher als Widerspruch in sich gilt?

Dr. Thomas Huber: Das ist richtig. Das Angebot wird viel flexibler, wir können die Fahrgäste mehr oder weniger zuhause abholen. Aber trotzdem bleibt es ÖPNV, das ist uns wichtig. Es entsteht keine Parallelwelt, das ÖPNV-Angebot wird nicht kannibalisiert, es wird ergänzt, erweitert und dadurch attraktiver. Konkret werden wir in Bad Birnbach noch dieses Jahr zwei weitere Shuttle einsetzen, die nahezu flächendeckend die Marktgemeinde bedienen und digital gebucht werden können. Das passiert aus der vorhandenen ÖPNV-App des Landkreises heraus, also ganz klar eingebettet in den bestehenden öffentlichen Nahverkehr. Wir realisieren das übrigens nicht nur testweise als Proof of Concept, sondern im Regelbetrieb. Es handelt sich wirklich um einen Meilenstein.

Beim Projekt „Shuttle Modellregion Oberfranken“ (SMO) ist DB Regio Bus ebenfalls beteiligt und betreibt die Linien in Hof und Kronach. Das Projekt ist breit angelegt, das Projektkonsortium umfasst zehn Partner, neben den Gebietskörperschaften, dem Bund und der DB auch Forschungseinrichtungen und Industrieunternehmen. Wächst da ein Kompetenznetzwerk zusammen?

Dr. Thomas Huber: Bei SMO kooperieren wir mit Partnern, die wir schon länger kennen, aber es sind auch neue hinzugestoßen, weil das Interesse in der Forschung und Industrie immer weiter wächst. Als DB Regio Bus sind wir bundesweit bei rund zehn Projekten dabei. Darunter befinden sind auch solche, die in der Öffentlichkeit weniger wahrgenommen werden, etwa das Projekt „Advantage“ zum induktiven Laden autonomer Shuttles. Tatsächlich entsteht hier ein Netzwerk, in dem systematisch und strukturiert Wissen zu hoch automatisierten und autonomen Mobilitätsangeboten aufgebaut und weiterentwickelt wird.

Wann werden wir die ersten Shuttles sehen, die mehr als sechs oder acht Fahrgäste mitnehmen und ohne Begleitpersonal fahren können, das im Notfall eingreifen kann?

Dr. Thomas Huber: An größeren autonomen Bussen wird bereits gearbeitet, ebenso an Leitwarten zur Fernüberwachung der Fahrzeuge. Beides wir nach meiner Einschätzung Ende  2022 zu konkreten Ergebnissen führen. Die Schnittmenge aus beidem, nämlich größere autonome Busse, die fernüberwacht werden, wird danach wohl auch nicht länger dauern als anderthalb oder zwei Jahre. Also: Die Zukunft ist zum Greifen nahe.