„Wir müssen das Thema Design in den Vergabeprozess integrieren“

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen und der Verband der Bahnindustrie fordern von der kommenden Bundesregierung mehr Tempo beim Klimaschutz und ein Beschleunigungsprogramm für die Schiene. Den beiden Spitzenverbänden zufolge gehört dazu auch die Überarbeitung der Kriterien öffentlicher Ausschreibungen. Im Interview mit dem RegioSignaleBlog erläutert Thomas König, Vorstand der Tricon AG, warum ihm die Vergaberichtlinien für die Fahrzeugbeschaffung dabei besonders am Herzen liegen.

RegioSignaleBlog: Herr König, als Gestalter von Schienenfahrzeugen plädieren Sie schon länger für die Überarbeitung der Vergabeprozesse bei der Fahrzeugbeschaffung. Seit neuestem sogar mit Rückenwind der Spitzenverbände. Wo drückt der Schuh?

Thomas König: Wir stellen immer wieder fest, dass Fahrzeugdesign zu wenig Beachtung findet, obwohl es ein wesentlicher Faktor bei der erfolgreichen Umsetzung von Mobilitätsangeboten ist.  Ursache dafür ist die Fixierung der Vergaberichtlinien auf den Preis. Wer den günstigsten Preis bietet, bekommt den Auftrag. Hinzu kommt, dass Vergabeverfahren einer juristischen Überprüfung standhalten müssen. Weil man eine Vergabe aber kaum damit begründen kann, dass das teurere Fahrzeug nun mal besser gestaltet sei als das billigere, gerät Design von zwei Seiten unter Druck. Es entzieht sich juristischer Bewertung und wird gerne als Kostenfaktor diskreditiert. Das Resultat sind dann viel zu oft Fahrzeuge, mit denen wir die Menschen emotional nicht abholen können.

RegioSignaleBlog: Wie sieht das in der Praxis aus?

Thomas König: So wie es uns erst kürzlich ergangen ist. Wir entwickeln gemeinsam mit einem Aufgabenträger ein tolles Design für ein neues Projekt. Dem Aufgabenträger gefällt’s und alle sind glücklich damit. In der Ausschreibungsformulierung ist das Design aber nur einer von vielen Aspekten und verliert relativ an Bedeutung. Anschließend erklären die Juristen, dass sie für das Design keine Punkte vergeben können. Die Hersteller ziehen dann den naheliegenden Schluss, dass sie beim Design nur das Nötigste machen. Ob Design in diesem Prozess überhaupt eine Rolle spielt, hängt aktuell deshalb ausschließlich davon ab, ob es Chefsache ist oder nicht. Wenn sich ein Vorstand dafür einsetzt, entstehen tolle Fahrzeuge. Bleibt die Priorisierung den Juristen überlassen, klammern sie es lieber aus, um sich im Falle einer späteren Anfechtung der Vergabe nicht angreifbar zu machen.

RegioSignaleBlog: Was wäre die Alternative? 

Thomas König: Wir müssen den gesamten Vergabeprozess angehen und das Thema Design so früh wie möglich integrieren, so dass alle Beteiligten von Anfang an wissen, dass die Gestaltung in die Bewertung einfließt. Dass das geht, wissen wir, seit es Architektenwettbewerbe gibt. Da gibt es eine Jury und die wird später bewerten. Warum machen wir das nicht auch in einer Ausschreibung und legen fest, dass ein Designbuch dazu gehört, an dem sich Hersteller aus eigenem Interesse orientieren, weil eine Jury benoten wird, welches Unternehmen die Designvorgaben am besten umgesetzt hat. Dann hätten wir das Thema integriert und erledigt. Das wäre, ganz nebenbei gesagt, auch eine Gewinn für die Verkehrswende.

RegioSignaleBlog: Inwiefern?

Thomas König: Weil der Erfolg der Verkehrswende zu einem wesentlichen Teil davon abhängt, ob es gelingt, Autofahrer für den öffentlichen Verkehr zu gewinnen. Wenn wir die überzeugen wollen, müssen wir sie mit unseren Fahrzeugen positiv überraschen. Dabei spielt Design eine entscheidende Rolle. Wenn Autofahrer heute zufällig in eine S-Bahn einsteigen, sind sie mit größter Wahrscheinlichkeit völlig desillusioniert und kommen nie mehr wieder. Was abgesehen von dem eingangs geschilderten Webfehler bei den Vergaberichtlinien allerdings auch daran liegt, dass die Branche auf der Suche nach gestalterischen Antworten schon viel zu lange im eigenen Saft schmort. Wir denken eben gerne „Super! 470 Sitzplätze in einem Doppelstockwagen.“ Tatsächlich interessiert das die Leute aber überhaupt nicht.

RegioSignaleBlog: Das scheint sich aber jetzt zu ändern.

Thomas König: Langsam wächst wohl die Einsicht, dass wir mit den funktionellen Ausschreibungen nicht mehr weiterkommen. Ich finde es jedenfalls ermutigend, dass der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen und der Verband der Bahnindustrie mit Blick auf die Mobilitätswende neben einem Beschleunigungsprogramm für die Schiene auch die Modernisierung von Vergabeverfahren anmahnen. Konkret geht es darum, dass Faktoren wie Innovation, Kundenkomfort, Qualität, niedrige Lebenszykluskosten und Design bei öffentlichen Ausschreibungen in Deutschland eine wichtigere Rolle spielen sollten, anstatt nur den günstigsten Anschaffungspreis maßgeblich zu bewerten.

RegioSignaleBlog: Was wäre nötig, um in Sachen Design schneller ans Ziel zu kommen?

Thomas König: Solange die Industrie für Innovationen nicht belohnt wird, muss der Impetus von außen kommen. Um es mal an einem Beispiel festzumachen: Wenn wir das Gewicht eines Sitzes reduzieren, honoriert die Luftfahrtbranche das mit einer Beteiligung an den dadurch erzielten Einsparungen. In Zügen sind leichtere Sitze zwar auch gern gesehen. Aber die höheren Kosten will niemand zahlen. Also werden sie erst gar nicht angeboten. Wenn sich diese Logik schnell ändern soll, muss der Anreiz von ganz oben kommen. Das wäre aktuell das Verkehrsministerium in Berlin, perspektivisch sicher auch Brüssel.

RegioSignaleBlog: Tricon ist weltweit im Geschäft. Wie innovationsfreudig ist der heimische Markt im internationalen Vergleich? 

Thomas König: Was die Vergaberichtlinien betrifft, kann ich das nicht beurteilen. Aber klar – in Märkten wie China, Japan oder Katar, aber auch in der Schweiz, sind Offenheit und Begeisterung für Neues oft größer als hierzulande.

RegioSignaleBlog: Zum Schluss, in aller Kürze: Worauf kommt es beim Zuginterieur künftig an?

Thomas König: Wir müssen unsere Fahrgäste in ihrer Individualität abholen. Die haben ja morgens andere Interessen als abends, sind in der Gruppe oder allein unterwegs. Betrachtet man einen Zug als 200 Meter lange Architektur, dann gibt es doch vielfältigste Möglichkeiten. Trotzdem sind die Züge nur mit Reihensitzen bestückt und im ICE sitzen alle wie im Flieger. Dabei wollen wir uns doch gar nicht mit dem Flieger vergleichen, sondern sollten eigentlich selbstbewusst vermitteln „Hey, wir sind viel besser als ihr!“