Thomas Ramge: "Die Verkehrswende bietet die Chance, das Innovationstempo stark zu erhöhen."

Thomas Ramge ist Sachbuchautor, Keynote-Speaker und Moderator. Als Technologie-Korrespondent schreibt er u.a. für das Wirtschaftsmagazin brand eins. Sein zentrales Thema ist die Veränderungswucht der Digitalisierung. Sein jüngstes, gemeinsam mit Rafael Laguna de la Vera verfasstes Buch rückt die Bedeutung von Sprunginnovationen in den Fokus.

RegioSignaleBlog: Herr Ramge, Sprunginnovationen verändern die Welt grundlegend. Das Auto, sagen Sie, sei eines der historischen Beispiele für eine Sprunginnovation. Hat der ÖPNV das Zeug zur nächsten?

Thomas Ramge: Nicht in der klassischen Logik einer Sprunginnovation. Der ÖPNV hat aber die Chance Fehlentwicklungen, die mal Sprunginnovationen waren, hoffentlich zu korrigieren. Dazu muss er aber schrittweise deutlich besser werden als bisher. Was meine ich damit? Einen ÖPNV, der digitale Systeme nutzt, um intermodale Mobilität deutlich zu verbessern. Ein ÖPNV, der vielleicht auch einen Teil automatisiert, die Zuverlässigkeit verbessert, den Komfort erhöht und den Preis senkt, hat natürlich die Chance, der ehemaligen Sprunginnovation des Autos zumindest im urbanen Raum das Wasser abzugraben.

RegioSignaleBlog: Wie würden Sie den Innovationspfad beschreiben, dem der ÖPNV folgt?

Thomas Ramge: Er nutzt neue Entwicklungen mit hoher Innovationshöhe – konkret digitale Systeme – um eine bestehende Infrastruktur viel besser zu machen, als sie bisher war.

RegioSignaleBlog: Sie schreiben in ihrem Buch, dass innovative Transformationsprozesse am besten in Ökosystemen gedeihen, in dem sich Wettbewerb und Kooperation ergänzen. Sie nennen das Coopetition. Wieviel Coopetition steckt im ÖPNV?

Thomas Ramge: Gibt es da sicherlich auch, aber noch nicht in ausreichendem Umfang. Das ist auch offenkundig. Bisher hat man den Eindruck, dass der ÖPNV vor allem aus Fürstentümern zu bestehen scheint – okay, mittlerweile sind es auch Verbünde – die nebeneinander stehen und sich gegenseitig in Ruhe lassen. Aber ein innovatives Ökosystem zeichnet sich dadurch aus, dass eben diese Spieler einerseits miteinander konkurrieren – was sie aktuell kaum tun –, andererseits aber auch miteinander kooperieren. Auch da könnten sie besser werden. Ich will jetzt nicht sagen, dass es das nicht gibt. Aber auf jeden Fall wäre es schön, wenn sich Coopetition intensivieren würde.

RegioSignaleBlog: Könnte denn das gemeinsame Bekenntnis zur Verkehrswende die Entstehung  der dafür nötigen regulatorischen Rahmenbedingungen beschleunigen? Bis 2030 ist ja nicht mehr lange hin.

Thomas Ramge: Das ist das optimistische Szenario. Die Chance, dass es eintritt, besteht auf jeden Fall. Die Verkehrswende bietet die Chance, alte Gewohnheiten der Koexistenz zu überwinden und und das Innovationstempo stark zu erhöhen. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass sich auch die Regulierung innoviert. Gerade die ÖPNV-Branche leidet ja – wie übrigens viele Branchen in Deutschland – massiv unter Überregulierung. Überregulierung ist nunmal ein klassischer Innovationskiller. Deshalb brauchen wir einen Staat, der die Mittel für innovative Transformationsprozesse bereitstellt, der gleichzeitig aber auch von seinem Kontrollwahn runterkommt. Wir brauchen eine ermächtigende Regulierung, die es denjenigen, die die Transformation vorantreiben, auch tatsächlich ermöglicht, Innovation in die Welt hinauszutragen.

RegioSignaleBlog: Zu Schluss die Bitte um einen kurzen Blick in die Glaskugel: Was sind die wesentlichen Treiber für die Verkehrswende?

Thomas Ramge: Erstens regenerative Energien, die ÖPNV noch klimafreundlicher machen, als er es heute schon ist. Die Vernetzung, die es aus Kundensicht schafft, öffentliche Mobilität nahtlos, anwenderfreundlicher und bequemer zu gestalten. Aber eben auch soziale Innovationen wie beispielsweise günstige Flatrates für alle Verkehrsträger.