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 Digitale Entwicklung: MaaS-Lösungen verändern den Verkehr in urbanen Räumen

Mobimeo-CEO John David von Oertzen will das private Auto durch neue Mobilitätsangebote ersetzen – und fördert die Verkehrswende mit attraktiven Mobility-as-a-Service-Lösungen (MaaS).

Bis zum Jahr 2030 werden 60 Prozent der Menschen weltweit in Städten leben. Diese Prognose erfordert neue Mobilitätslösungen für den urbanen Raum. Mobimeo, ein Tochterunternehmen der Deutschen Bahn, vernetzt Mobilitätsanbieter und Fahrgäste auf einer neu entwickelten digitalen Plattform miteinander. Geschäftsführer John David von Oertzen beantwortet im regiosignale-Interview die wichtigsten Fragen zum Thema Mobility-as-a-Service (MaaS).

MaaS als Konzept ist nicht neu: Seit den späten 1990er Jahren wird es als Lösung für die Verkehrsprobleme in den wachsenden Städten gehandelt. Mittlerweile gibt es eine große Zahl an Verkehrsmitteln und die Digitalisierung hat einen enormen Schritt nach vorn gemacht. Was ist Deine Definition von MaaS für die Anforderungen von heute?

Ich begleite die Entwicklung von MaaS seit den Anfängen in Deutschland. Carsharing steckte in den Kinderschuhen, von On-Demand-Verkehren war noch nicht die Rede und die E-Scooter, die heute manchmal die Bürgersteige blockieren, waren noch nicht einmal erfunden. Wenn wir bei Mobimeo von MaaS sprechen, geht es darum, alle verfügbaren Verkehrsmittel mit dem Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zu einem intelligenten System auf einer einzigen Plattform zu verbinden: Wie kann ich all diese Möglichkeiten einfach nutzen, ohne mich mit verschiedenen Apps und Tarifen auseinandersetzen zu müssen? Wie kann Suchen, Buchen und Bezahlen möglichst übersichtlich gestaltet werden? Und wie können die gezeigten Angebote meine persönlichen Vorlieben und die jeweilige Situation möglichst gut abbilden?

Schon heute gibt es Apps auf der Basis der Mobimeo-MaaS-Plattform in Berlin, Stuttgart und Karlsruhe. Welche Erfahrungen habt Ihr mit diesen Angeboten in den letzten zwei Jahren gemacht?

Ausgangspunkt unserer Produktentwicklung ist die Ausrichtung an den Bedürfnissen der Nutzer:innen unserer Apps (user centricity) und des Marktes. Wir beginnen daher mit Marktforschung, um dann schnell einen Prototypen zu entwickeln, den wir zusammen mit unseren Kunden und echten Nutzer:innen ausprobieren können. Unser großer Vorteil ist, dass wir - technologisch gesehen - keinen Ballast in Form von altem Code oder nur nach individuellen Anforderungen entwickelten Funktionen, die nicht zueinander passen, mit uns herumschleppen. Wir haben die Plattform von Grund auf neu bauen können, so dass sie technologisch State-of-the-art ist. In den letzten beiden Jahren haben wir diesen Weg fortgesetzt und unser Angebot auf der Grundlage von Nutzer:innen-Feedback und eigenen technischen Innovationen ständig weiterentwickelt. Eine Anforderung der Nutzer:innen ist zum Beispiel, dass sie Apps intuitiv nutzen wollen. Über verschiedene Entwicklungsstufen haben wir ein Design für die Apps entwickelt, bei dem alle als unwesentlich wahrgenommen Informationen weggelassen werden und zentrale Elemente wie die Fahrtzeit hervorgehoben werden. Außerdem haben wir uns während der Pandemie auf ein verändertes Nutzungsverhalten eingestellt. Wir haben unter anderem das eigene Fahrrad als Verkehrsmittel für die Routenplanung mit aufgenommen und es können längere Strecken für Fußwege ausgewählt werden. Eine wesentliche Innovation in dieser Zeit war die Entwicklung der Live Navigation, dem Navigationssystem für den ÖPNV. Ich benutze sie selbst aus gutem Grund - auch wenn ich auf bekannten Strecken unterwegs bin - da ich mich so während der Fahrt auf anderes konzentrieren kann, ohne das Um- oder Aussteigen zu verpassen.


Ein weiteres innovatives Feature ist die Park+Ride-Funktion in der Mobility Stuttgart App der S-Bahn. Wie ist es entstanden?

Wir verfolgen bei der Weiterentwicklung unserer Plattform einen partnerschaftlichen Ansatz. Daher stehen wir im ständigen Austausch mit Verkehrsunternehmen und -verbünden sowie Anbietern von Sharing-Fahrzeugen oder On-Demand-Lösungen. Diese Gespräche sind für beide Seiten wichtig, da wir so auf Ideen kommen, die unsere Plattform besser und unsere Partner erfolgreicher machen. Auf diesem Weg ist auch das Park+Ride-Feature (P+R) entstanden, das wir erstmals in der multimodalen Mobility Stuttgart App der S-Bahn eingesetzt haben. Auslöser war der Hinweis der S-Bahn auf einen sehr realen “pain” von allen, die in den sogenannten Stuttgarter Kessel, die im Tal liegende Innenstadt, müssen. Jeden Morgen und Abend stellt man sich auf den engen Zufahrtsstraßen hinten in der Schlange an. Beim Nachdenken über eine Lösung mussten wir uns mit der traditionell sehr innigen Beziehung der Schwaben zu ihren Autos auseinandersetzen. Das Ergebnis ist, dass wir Multimodalität noch einmal ganz neu gedacht haben, nämlich als – hoffentlich vorübergehende - Kombination von Auto und ÖPNV. Das P+R-Feature innerhalb der App zeigt jetzt für die gewählte Route den nächstgelegenen P+R-Parkplatz mit einer Prognose der freien Plätze an. Das Beste ist: Dargestellt wird auch ein Vergleich der Fahrzeit der Kombination Auto und ÖPNV im Vergleich zur Fahrzeit nur mit dem Auto - inklusive Stau und Parkplatzsuche!

Gibt es auch in Berlin Anforderungen der Nutzer:innen, die Ihr aufgenommen habt, um die Plattform weiterzuentwickeln?

Wir haben anhand der Nutzungsdaten schnell gemerkt, dass Berlin eine Stadt von “heavy usern” ist: Nutzer:innen, die den ÖPNV viel nutzen, häufig auf denselben Routen unterwegs sind und die bereit sind, Neues auszuprobieren. Mit der multimodalen S-Bahn Berlin Connect App gehen wir auf diese Bedürfnisse ein. Ergebnis der Zusammenarbeit ist unter anderem, dass wir den Routenalarm als neue Funktion in die Plattform integriert haben. Routen, die regelmäßig mit dem ÖPNV gefahren werden, können in der App abonniert werden. Die Nutzer:innen werden dann rechtzeitig vor Fahrtantritt per Push-Nachricht über kurzfristige Verspätungen, Zugausfälle und Baustellen informiert und können nach Alternativen suchen.

Wir reagierten die Nutzer:innen auf die Apps?

Die Nutzer:innen bewerteten die Apps, die auf unserer Plattform aufbauen, regelmäßig als “top Öffi-App - schnell und benutzerfreundlich”. Besonders gut kommt an, dass in der´Routeninformation direkt ein Bus- oder Bahn-Ticket gekauft oder ein anderes Mobilitätsangebot gebucht werden kann. Vielen hilft die nahtlose Verknüpfung verschiedener Verkehrsmittel, die je nach persönlicher Präferenz oder je nach Situation genutzt werden können - zum Beispiel zum Transport des Wocheneinkaufs oder nachts. Wie können die Chancen, die MaaS bietet, in Zukunft noch besser genutzt werden? Aktuell ist der Verkehrssektor noch immer für fast 20 Prozent der Treibhausgasemissionen in Deutschland verantwortlich. MaaS-Lösungen können einen wichtigen Beitrag zur Verkehrswende und zum Klimaschutz leisten. Dabei spielt der ÖPNV aufgrund seiner Leistungsfähigkeit eine zentrale Rolle. MaaS hilft dabei, das volle Potential zu heben: Indem Kapazitäten besser geplant, Auslastung digital gesteuert und neue Angebote entwickelt werden können, gewinnt die öffentliche Mobilität insgesamt an Attraktivität. Eine integrierte Plattform bringt die Digitalisierung des ÖPNV voran und sorgt für mehr Akzeptanz – und damit für die Gewinnung neuer und die Bindung bestehender Kunden. Wenn das gemeinsam gelingt, kann sich das Verhalten der Nutzer:innen dauerhaft ändern und wir erreichen unser Ziel: Lebenswertere Städte.

Wie sieht die Zukunft von MaaS in fünf Jahren aus?

Mobilität ist ein enormer Markt, der auch für branchenfremde Akteure immer attraktiver wird. Mittlerweile versuchen die großen Tech-Unternehmen, regionale Mobilitätsangebote zu verdrängen um den Markt in Zukunft zu dominieren - so wie wir es schon bei den Hotels und Flügen passiert ist. Die Mobilitätsbranche hat es in der Hand, dem etwas entgegenzusetzen. Wesentlich ist, eine Plattform aufzubauen, die für die Nutzer:innen attraktiv ist und durch fortgesetzte Innovationen ihren Platz im Markt behauptet. Dabei lässt sich das Rennen, wer die digitale Kundenschnittstelle besetzt, nicht nur durch Geld gewinnen. Im Zweifel haben die Tech-Konzerne die tieferen Taschen. Entscheidend sind die Kenntnis der Bedürfnisse der Nutzer:innen vor Ort, gute Ideen und die Fähigkeit, die besten technischen Lösungen umzusetzen.