„Die ÖPNV-Branche verkauft sich unter Wert“

Erst langjährige Abteilungsleiterin und Pressesprecherin für die Mobilitätssparte eines Stadtwerks, jetzt Bloggerin, Podcast-Produzentin und Fürsprecherin der Mobilitätswende: Katja Diehl ist auf zig Social-Media-Kanälen unterwegs und hat allein auf Twitter schon 100.000 Botschaften abgesetzt. Zeit für ein Gespräch darüber, was Kommunikation in der Verkehrswende bewegen aber auch bremsen kann.

RegioSignaleBlog: Frau Diehl, wie wichtig ist Kommunikation für die Verkehrswende?

Katja Diehl: Ohne Kommunikation würde Verkehrswende nicht stattfinden. Denn Kommunikation bedeutet ja auch, Wissen weiterzugeben und mit den Menschen darüber zu sprechen, was ihnen helfen könnte, Mobilität anders und klimagerechter aufzustellen. Für mich fängt das oft damit an aufzuzeigen, wie unsinnig Automobilität ist, weil Autos ja eigentlich eher immobil sind. Statistisch bewegt sich ein Auto pro Tag nur 43 Minuten und trotzdem geben wir ihm unglaublich viel Raum. Wir nehmen das hin, weil wir die Tage meistens nicht damit verbringen, unser Handeln zu hinterfragen, sondern Routinen zu folgen. Die vielleicht krasseste Form dieser Routinen sind unsere Mobilitätsgewohnheiten. Die sind uns so in Fleisch und Blut übergegangen, dass kein Mensch mehr von selbst auf die Idee kommt, sie einfach mal zu ändern. Genau das ist der Grund, warum Kommunikation für die Verkehrswende so wichtig ist: Sie kann Denkanstöße geben und Menschen dazu bewegen, vertraute Ansichten zu hinterfragen und Gewohnheiten zu ändern.


RegioSignaleBlog: Genügt denn die Kraft rationaler Argumente? Mobilität ist ja ein sehr emotionales Thema. Das „gute Gefühl“, jederzeit ins eigene Auto steigen zu können oder die Angst vor einem besonders hohen Corona-Infektionsrisiko im ÖPNV sind nur zwei von vielen Beispielen.

Katja Diehl: Es wird ja immer das Narrativ benutzt, Automobilität löse alles. Aber das macht all jene unsichtbar, die Autos aus gesundheitlichen, finanziellen oder anderen Gründen nicht nutzen können oder sich mangels Alternativen gezwungenermaßen hinter das Steuer setzen. Aus ähnlichen Motiven ist auch der ÖPNV während der Lockdown-Phase vor allem von solchen Menschen genutzt worden, die keine andere Wahl hatten, weil sie nicht anders zur Arbeit gekommen wären. Alle, die dem ÖPNV ferngeblieben sind, hatten eine Wahl. Sie konnten zuhause arbeiten, auf ein Fahrrad oder ins Auto umsteigen. Meiner Meinung nach ist aber auch das schlechte Image des ÖPNV in Deutschland ein Grund, dass ihm so viele Fahrgäste ferngeblieben sind: Letztlich ist das Vertrauen in ihn offenbar nicht hoch genug, dass Menschen ganz selbstverständlich auch während einer Pandemie einfach weiterhin Bus und Bahn fahren .

Die emotionale Ebene ist also immer mit dabei. Ich persönlich finde es zum Beispiel schon lässig, wenn ich in Hamburg mit dem Rad unterwegs bin und einfach an den Autoschlangen vorbeifahren kann. Das hat schon etwas Erhebendes. Gleichzeitig erlebe ich dabei aber auch, dass sich Radfahrer mit handtuchbreiten Radwegen zufriedengeben und super-umständlich links abbiegen müssen, während dem Auto das X-Fache an Platz zugestanden wird, obwohl meistens auch nur eine Person drinsitzt. Wenn sich solche Erlebnisse häufen, diese Wahrnehmung zur Tagesordnung wird, dann hilft auch Kommunikation nicht mehr weiter. Da sind wir dann an dem Punkt, dass Angebote geschaffen und Regulation umgesetzt werden muss, wenn man die Menschen dazu bewegen will, ihr Verhalten zu ändern und umzusteigen.


RegioSignaleBlog: Könnte dabei ein Narrativ mit mehr Breitenwirkung weiterhelfen? Ähnlich dem Auto, das eng mit dem Versprechen von individueller Freiheit verbunden ist und dieses Narrativ auch in Film und Literatur immer wieder neu inszeniert hat?

Katja Diehl: Das glaube ich nicht. Viel wichtiger ist es, die richtigen Fragen zu stellen. Ich frage meine Gesprächspartner in Diskussionen zum Beispiel gerne, ob sie Auto fahren wollen oder Autofahren müssen. Die meisten verstehen die Frage oft erst mal gar nicht, weil sie Perspektiven ins Spiel bringt und Gedanken nahelegt, die für viele wirklich neu sind. Wenn sie sie durchdrungen haben, heißt die Antwort oft: „Krass. Habe ich noch nie drüber nachgedacht.“ Tatsächlich stellt sich dann im weiteren Verlauf häufig heraus, dass viele nur deshalb das Auto nehmen, weil der nächste Bahnhof zu weit weg ist, weil kein Bus fährt oder weil jemand vielleicht eine Gehbehinderung hat und der ÖPNV deshalb zu beschwerlich ist. Gleichzeitig erleben wir gerade, dass Leute in Berlin oder Hamburg extra einen Umweg fahren, um mal mit dem Rad über die autofreie Friedrichstraße oder die Mönckebergstraße fahren zu können.

Für mich sind solche Geschichten ein Beleg dafür, dass die vorhandene Infrastruktur die Sicherheitsbedürfnisse der Menschen nicht ausreichend berücksichtig. Das gilt auch für öffentliche Mobilitätsangebote: Wir brauchen eine Mobilität, die es einer Frau nachts um 2.00 Uhr erlaubt, den autonom fahrenden Bus zu nehmen, weil dann eben immer ein Stewart mit dabei ist. Alle diese Beispiele machen sichtbar, wie viele Menschen das autozentrierte Narrativ ausschließt. Deshalb komme ich damit in Diskussionen auch viel näher an die Leute ran.


RegioSignaleBlog: Könnte die ÖPNV-Branche gewinnen, wenn sie sich in ihrer Außendarstellung stärker vom Motorisierten Individualverkehr abgrenzen würde?

Katja Diehl: Ich habe jedenfalls immer wieder den Eindruck, dass die Branche dazu neigt, sich unter Wert zu verkaufen und viel zu oft in so einer devoten Grundhaltung unterwegs ist. Statt darauf stolz zu sein, täglich Millionen von Menschen an ihr Ziel bringen, entschuldigt sie sich lieber für die Verspätungen, die dabei bisweilen entstehen. Gutes Storytelling geht jedenfalls anders und wie so oft, hat uns die Automobilbranche da einiges voraus: Die lässt ihre Autos fast immer mutterseelenallein durch unendlich weite Landschaften fahren und gaukelt uns eine individuelle Freiheit vor, die es zwar in der Realität nicht gibt – dafür aber das Abgrenzungsbedürfnis vieler Menschen perfekt bedient.

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