Raphael Gielgen

 „Die Messe ist gelesen“

Homeoffice ist überall, die Nahverkehrsbranche auf der Suche nach neuen Gewissheiten. Raphael Gielgen, Trendscout bei Vitra und in der Branche spätestens seit RegioSignale #digital bekannt, verrät im RegioSignale-Blog, wohin die Reise geht.

RegioSignale: Covid ist der große Trendbeschleuniger. Wie sieht die Arbeitswelt ein Jahr nach dem Lockdown aus?

Raphael Gielgen: Es wird klar, dass jeder Ort um Menschen wirbt. Es geht nicht mehr nur um Zuhause oder Büro. Alle Orte buhlen um die Menschen, die man so schön Wissensarbeiter nennt. Das ist eine ganz andere Perspektive.

RegioSignale: Gehen wir bald also nur noch ins Büro, um wenigstens hin und wieder persönlich mit den Kolleg:innen quatschen zu können?

Raphael Gielgen: Das ist vielleicht ein bisschen extrem. Aber ich schließe nicht aus, dass die Leute in manchen Firmen künftig nur noch zu bestimmten Anlässen zusammenkommen. Manche Aufgaben kann man eben nicht allein erledigen. Schon gar nicht von zuhause aus. Irgendwo muss man sie aber machen. Jetzt müssen die Unternehmen herauszufinden, welche Aufgaben das sind und entsprechende Angebote entwickeln. Das beginnt damit, das Bewegungs- und Tätigkeitprofil der einzelnen Mitarbeiter:innen herauszufinden. Wenn Sie Leute haben, die dazu verdonnert sind, an einer Microstation zu arbeiten, dann müssen die eben auch dahin, weil sie Superbreitband brauchen.

RegioSignale: Was macht das denn mit den Pendlerströmen und denen, die Mobilität anbieten?

Raphael Gielgen: Ein Teil des ÖPNV wird wohl so weiterlaufen, wie wir ihn alle kennen. Der andere wird aus Tür-zu-Tür-Angeboten bestehen. Damit die gelingen, muss es Kooperationen zwischen verschiedenen Anbietern geben, Zahlungssystem inklusive.

RegioSignale: Also zwei Angebotswelten? Eine für die getakteten Pendlerströme, die andere für die Work-from-Anywheres?

Raphael Gielgen: Das wird man so nicht trennen können. Wir sollten auch nicht mehr so denken. Heute hat jeder auf der Welt ein Smartphone und viele Optionen zur Hand. Menschen werden bereit sein, für etwas mehr oder weniger zu bezahlen. Dieses Mehr ist aber nicht der Unterschied zwischen Ticket- und Taxipreis.

RegioSignale: Der Einzelne wird schneller Lösungen einfordern, als Organisationen sie umsetzen können. Was macht das mit den ÖPNV-Anbietern?

Raphael Gielgen: Da wo Druck drauf ist, ändern sich die Dinge schneller. Wo Aktion gefordert ist, findet Veränderung auch statt. Wenn die Aktion dazu führt, dass wir anders zusammenarbeiten, mündet das automatisch in kulturellen Wandel und eine neue Alltagskultur. Schauen Sie nur, wie sich das Home Office mit einem Mal etabliert hat. RatzFatz – innerhalb von vier Wochen. Der Sprung in eine Vertrauenskultur, die auf einmal angefordert wurde, hat die kulturellen Rahmenbedingen dauerhaft transformiert. Damit muss der ÖPNV umgehen.

RegioSignale: Also keine Rückkehr zum business as usual?

Raphael Gielgen: Definitiv nicht. Diese Messe ist gelesen.

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