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 Strategischer Ausweg

Philipp Kosok ist seit Oktober 2020 beim Berliner Thinktank Agora Verkehrswende für den Bereich Öffentliche Verkehre zuständig. Zuvor war Kosok Sprecher für ÖPNV, Bahnverkehr und Multimodalität des ökologischen Verkehrsclubs VCD. Agora Verkehrswende hat das Ziel, gemeinsam mit Akteuren aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft die Grundlagen dafür zu schaffen, dass der Verkehrssektor in Deutschland bis 2045 dekarbonisiert werden kann.

RegioSignaleBlog: Herr Kosok, die Verkehrswende ist für Klimaschützer eine Verheißung. Was antworten Sie denen, die mit Verkehrswende erst einmal Verzicht auf Mobilität und aufs Auto verbinden?

Philipp Kosok: Verkehrswende bedeutet, Alternativen zum eigenen Auto zu schaffen und ist damit ein Zugewinn an Mobilität und kein Verzicht.

Foto: Agora Verkehrswende
Foto: Agora Verkehrswende

Aktuell habe ja gerade diejenigen, die vom Auto abhängig sind und unter den stark steigenden Spritkosten leiden, ein schweres Problem. Verkehrswende öffnet hier einen strategischen Ausweg. Aber natürlich ist Verkehrswende auch mit Verzicht im Sinne eines Verzichts auf liebgewonnene Gewohnheiten und Bequemlichkeiten verbunden, zum Beispiel kostenlose Parkplätze in den Innenstädten. Das sind Dinge, von denen wir uns in Zukunft nach und nach verabschieden müssen.


RegioSignaleBlog: Von der Hand zu weisen sind die Befürchtungen der Skeptiker ja nicht. Der ÖV-Atlas, den Agora Ende letzten Jahres herausgebracht hat, macht zum Teil erschreckende Lücken im Angebot von Bus und Bahn deutlich.

Philipp Kosok:  In den urbanen Zentren ist das ÖPNV-Angebot bereits sehr gut, hier verzichten viele Menschen bereits gerne auf das Auto. In den ländlichen Räumen geht es erst einmal darum, überhaupt Alternativen zum Auto zu schaffen. Unser ÖV-Atlas zeigt sehr deutlich, dass Bus und Bahn dort häufig noch keine brauchbare Alternative darstellen. Allerdings wird auch künftig die Mobilität auf dem Land vom Auto mitbestimmt sein, das dann aber elektrisch und klimaneutral sein muss. Die Voraussetzungen dafür sind auf dem Land viel besser als in der Stadt, wo wenig Flächen etwa für Landesäulen zu Verfügung stehen und kaum jemand sein Auto daheim laden kann. Die Elektromobilität wird auf dem Land viel schneller vorankommen als in der Stadt.  

RegioSignaleBlog: Agora attestiert, dass soziale Akzeptanz eine entscheidende Voraussetzung für die Verkehrswende darstellt. Wie lässt sie sich herstellen?

Philipp Kosok: Es geht um einen grundlegenden Umbau des Verkehrssystems. Das erzeugt erst einmal Widerstände und erfordert, dass man die Vorteile gut erklärt. Beispiel Steuersystem: Das ist heute nicht nur komplex, sondern auch ökologisch unsinnig und sozial ungerecht. Nehmen Sie die Pendlerpauschale, die sich nur für mittlere und hohe Einkommen lohnt. Niedrige Einkommen profitieren von der Pendlerpauschale wenig oder gar nicht. Dass dies so ist, muss eben auch so gesagt werden, damit Akzeptanz für einen Umbau besteht. Wir sehen allerdings auch, dass Akzeptanz für die Verkehrswende gar nicht erst hergestellt werden muss: Vom Autoverkehr genervten Bürger:innen fordern sie von sich aus ein. Gerade in Innenstädten und Wohngebieten hat der Autoverkehr ein Akzeptanzproblem, auf das reagiert werden muss, nicht die Verkehrswende.

RegioSignaleBlog: Die Präferenz für öffentlichen Verkehr lässt sich auch als Ausdruck einer urbanen Leitkultur deuten, die gerade auf dem Land nicht bedingungslos geteilt wird. Bahnt sich da rund um das Thema Mobilität möglicherweise ein kultureller Konflikt an? 

Philipp Kosok: Auf dem Land und in der Stadt gibt es zweifellos unterschiedliche Mobilitätsbedürfnisse und Verhaltensweisen. Darin sehe ich auch kein Problem, aber das heißt, dass Verkehrswende in Stadt und Land unterschiedlich aussehen muss. Im ländlichen Raum wird die Elektrifizierung des Autoverkehrs eine größere Rolle spielen, im städtischen Umfeld die Verlagerung des Autoverkehrs auf den ÖPNV. Ich sehe aber durchaus das Problem, das ärmere Regionen, die kein gut funktionierendes ÖPNV-System finanzieren können, abgehängt werden, wenn sie nicht gezielt gefördert werden.

RegioSignaleBlog: Agora betrachtet die Verkehrswende und die Energiewende als zwei Seiten derselben Medaille. Im Augenblick sehen wir rasant steigende Energiepreise mit drastisch steigenden Kosten sowohl für den ÖV wie auch den motorisierten Individualverkehr. Welche Auswirkungen hat das für die Verkehrswende?

Philipp Kosok: Die Preise für öffentliche Verkehrsmittel steigen seit Jahren sehr stabil und auch stärker als die Kaufkraft. Das halten wir generell für ein großes Problem. Auf die akute Situation steigender Energiepreise, die ja mit dem Krieg in der Ukraine zusammenhängt, muss der Staat mit sozialpolitischen Instrumenten für die Menschen reagieren, die besonders stark betroffen sind, die sich fragen müssen, ob sie sich die Autofahrt oder das Heizen noch leisten können …

RegioSignaleBlog: … aber wie sind die Effekte unmittelbar für den ÖPNV-Sektor? Einerseits können die hohen Benzinpreise den ÖPNV ja attraktiver machen, andererseits kommen die Verkehrsunterunternehmen und Aufgabenträger durch die steigenden Kosten auch selbst unter Druck.  

Philipp Kosok: Die Verkehrswende ist durch die aktuelle Situation noch drängender geworden. Der Abschied von fossilen Energieträgern stellt den strategischen Ausweg dar, um die Anhängigkeit von anderen Ländern zu reduzieren. Das wird uns zwar nicht in wenigen Wochen helfen, ist aber die langfristige Lösung. Deshalb müssen wir jetzt konsequent in die Verkehrswende einsteigen. In den letzten Jahren gab es kaum Fortschritte. Um so mehr ist jetzt Tempo gefragt.

RegioSignaleBlog: Wie profitiert die Gesellschaft über eine klimafreundliche Mobilität hinaus von der Verkehrswende?

Philipp Kosok: Die Lebensgrundlagen für unseren Planeten zu sichern, ist schon mal eine ganz gehörige Motivation. Dafür brauchen wir die Verkehrswende in allererster Linie. Das Engagement vieler Bürger:innen setzt aber auch ganz unmittelbar bei ihrer Lebenssituation an. Da geht es zum Beispiel um weniger Lärm, mehr Sicherheit, mehr Radwege oder darum, den öffentlichen Raum besser zu nutzen als für das Abstellen von Autos. Das ist ein großer Mehrwert, der mit Verkehrswende einhergeht – und zugleich etwas, was die Menschen in ihrem Alltag antreibt.

Mit dem ÖV-Atlas zeigt Agora Verkehrswende anhand der Fahrplandaten aus ganz Deutschland, wo das Angebot im Öffentlichen Verkehr am besten ist und wo die größten Lücken bestehenhttps://www.agora-verkehrswende.de/veroeffentlichungen/oev-atlas-deutschland