Foto: DZSF

 Relativ jung, ziemlich weiblich

Das Deutsche Zentrum für Schienenverkehrsforschung (DZSF) entspricht so gar nicht den Klischees. Prof. Dr. Corinna Salander steht an der Spitze und kennt die Gründe. Sie leitet das Deutsche Zentrum für Schienenverkehrsforschung (DZSF) mit Sitz in Dresden und Bonn. Den Schienenverkehrssektor kennt sie aus vielen verschiedenen Perspektiven. Salander arbeitete bei Verkehrsunternehmen (DB), in der Industrie (Bombardier), bei der Europäischen Union (European Railway Agency) und war zuletzt Inhaberin des Lehrstuhls für Schienenfahrzeuge an der Universität Stuttgart.

RegioSignaleBlog: Das DZSF hat gerade die Hochschulausbildung im Schienenverkehrssektor analysiert. Danach klafft zwischen der Anzahl der Absolventinnen und Absolventen, etwa 600 pro Jahr, und dem Bedarf der Branche, schätzungsweise 33.000 neu zu besetzende Stellen für Ingenieurinnen und Ingenieure bis 2030, eine gewaltige Lücke. Woran liegt’s? 

Corinna Salander: Um es etwas zu relativieren: Die 33.000 zu besetzenden Stellen betreffen auch Fachrichtungen, die nicht unmittelbar eisenbahnspezifisch sind, etwa im Bereich Bau oder Elektrotechnik. Diese Disziplinen haben wir in der Studie nicht mitbetrachtet, die Lücke fällt also tatsächlich kleiner aus. Aber sie ist immer noch groß. Wenn man nach Erklärungen sucht, muss man meiner Meinung nach weiter ausgreifen und sich die Entwicklung der Mobilität insgesamt anschauen. In ihren frühen Jahren stand die Bahn für immensen technologischen Fortschritt und bis dahin nicht gekannte Mobilität. Das hat die Menschen begeistert. Aber das Auto hat dieses Mobilitätsversprechen noch einmal drastisch erweitert, individualisiert und vor allem ganz anders emotionalisiert, als der Bahn das gelungen ist. Die Autoindustrie produziert Konsumgüter, die ein Lebensgefühl vermitteln; beim Eisenbahnsystem geht es um Investitionsgüter. Darunter hat am Ende auch die Attraktivität der eisenbahntechnischen Ingenieurberufe gelitten.

RegioSignaleBlog: Aber es gibt Gegenbeispiele. Sie waren in Stuttgart Professorin für Schienenfahrzeugtechnik – und eben nicht bei Daimler. Was begeistert Sie an Ihrem Thema? 

Corinna Salander: Zur Eisenbahntechnik bin ich wirklich durch einen Zufall gekommen. Ich bin von Hause aus Physikerin. Promoviert habe ich dann allerdings in der Elektrotechnik auf einem Thema der DB AG – auch deshalb, weil das mit meiner damaligen Lebenssituation als junge Mutter besser zu vereinbaren war als die Forschung in der Teilchenphysik. So kam mein Kontakt zur Bahn zustande. An der Eisenbahn faszinieren mich bis heute die Physik von Stahl auf Stahl, also die immense Kraftübertragung über die winzige Kontaktfläche zwischen Rad und Schiene, und die Energieeffizienz des Systems. Jenseits der reinen Technik kann ich mich für Mobilitätsketten und die betriebliche Präzision begeistern, die der Eisenbahnverkehr verlangt. Hinzu kommt, dass das System Bahn Mobilitätsgewinn bedeutet, für jeden Einzelnen und natürlich gesamtgesellschaftlich. Was mich schließlich ganz persönlich beeindruckt hat, ist meine Erfahrung als Teil der Eisenbahnerfamilie, der außergewöhnliche Zusammenhalt, die Begeisterung für und die Identifikation mit dem Schienenverkehr.

RegioSignaleBlog: Das DZSF wurde vor drei Jahren gegründet. 60 Prozent der Mitarbeitenden sind zwischen 30 und 40 Jahre alt, der Frauenanteil liegt bei fast 50 Prozent. Das heißt: Das DZSF ist vergleichsweise jung und für eine ingenieurwissenschaftliche Forschungseinrichtung vergleichsweise weiblich. Wie haben Sie das geschafft? 

Corinna Salander: Unsere Arbeitsbedingungen sind für junge Familien attraktiv, unsere Themen sprechen viele Jüngere an. Viele können sich ein Leben ohne Auto sehr gut vorstellen, viele unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben auch gar keins mehr. Der Klimaschutz spielt da eine große Rolle. Bei der Geschlechterverteilung kommt uns das breite Spektrum unterschiedlicher Fachrichtungen zugute. Wir arbeiten interdisziplinär. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommen nicht nur aus technischen Berufen, in denen Frauen ja leider nach wie vor unterrepräsentiert sind, sondern zum Beispiel auch aus der Volkswirtschaft, den Sozialwissenschaften, der Rechtswissenschaft, der Psychologie, Geographie, den Naturwissenschaften. Ein ungeheuer befruchtender Austausch, es macht Spaß, das zu erleben.

RegioSignaleBlog: Wahrgenommen wird das DZSF allerdings vorrangig als technisch-ingenieurwissenschaftliches Forschungsinstitut … 

Corinna Salander: Das ändert sich gerade. Es geht oft um technische Lösungen, das stimmt, aber die Fragestellungen decken eine große Bandbreite ab. Das reicht, um Beispiele zu nennen, vom Vogelschutz an Bahnanlagen, über Streckenreaktivierungen und die Umlanderschließung bis hin zur Reisendenlenkung in Bahnhöfen, zum Arbeitsschutz und zur Künstlichen Intelligenz. Diese Breite entspricht unserem Auftrag. Als Ressortforschungseinrichtung müssen wir das Verkehrsministeriums in sämtlichen Fragen rund um den Schienenverkehr wissenschaftlich fundiert beraten können.

RegioSignaleBlog: Das Verkehrssystem Schiene ist in Deutschland 187 Jahre alt. Wird es da nicht Zeit für eine echte technologische Disruption wie zum Beispiel Hyperloop? 

Corinna Salander: Über Hyperloop kann man nachdenken, wenn tausende Kilometer überbrückt werden sollen, die noch nicht erschlossen sind. In Europa halte ich Hyperloop für nicht besonders sinnvoll und auch nicht für wirtschaftlich darstellbar. Wir haben es hier mit viel kürzeren Halteabständen und Entfernungen zu tun. Und mit den Möglichkeiten des Systems Schiene sind wir ja längst noch nicht am Ende. Wenn man so will, sehen wir gerade eine ganze Menge Disruption im vorhandenen System, zum Beispiel durch Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Sensorik, alternative Antriebe. Eine Fundgrube, die noch kaum erschlossen ist, können zudem innovative Ideen der Vergangenheit sein. Vieles wurde nicht umgesetzt, weil die technischen Mittel fehlten oder die Zeit noch nicht reif war. Heute sind die Voraussetzungen anders. Die automatische Kupplung im Güterverkehr zeigt das ja gerade. Aber ich unterstütze es, auch in Richtung Hyperloop zu forschen. Wer weiß, welche Erkenntnisse wir daraus auch für das Bahnsystem ableiten können. 

RegioSignaleBlog: Wo sehen Sie das wesentliche Entwicklungspotenzial des Verkehrssystems Schiene, eher im Bereich Infrastruktur oder in der Fahrzeugtechnik?

Corinna Salander: Auf allen Seiten, es geht ja um ein System. Das funkbasierte Leit- und Sicherungssystem ETCS zeigt das sehr gut, es betrifft die Fahrzeuge genauso wie die Infrastruktur. In gleicher Weise gilt das für alternative Antriebe. Ob das nun Brennstoffzellen oder Batterien sind – man braucht eine Tank- und Ladeinfrastruktur. Und auch vorbildlich ausgebaute Bahnsteige und Bahnhöfe nutzen beim Fahrgastwechsel nichts, wenn die Zugtüren zu schmal sind. Man darf die Bestandteile des Systems Bahn nie isoliert denken. Und Entwicklungspotenzial gibt es grundsätzlich überall.