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 Ohne diese Berufe würde das Land nicht funktionieren

Die Busbranche sucht dringend Fahrer:innen. Dass das so schwierig ist, hat für Christa Singer, Personalleiterin DB Regio Bus, auch gesellschaftliche Ursachen.

RegioSignaleBlog: Frau Singer, ich will was mit Menschen machen, was für die Gesellschaft und die Umwelt tun, es soll aber auch Technik dabei sein. Ich will rumkommen, aber abends zuhause sein, ich will Großes bewegen, aber auch flexibel arbeiten können. Welchen Beruf würden Sie mir empfehlen? 

Christa Singer: Auf jeden Fall die Verkehrsbranche, weil die was bewegt und verändert, weil die eine große Rolle spielt für Umwelt, Klimaschutz und Nachhaltigkeit. In der Verkehrsbranche können Sie konzipieren, planen und entwickeln, auch und gerade, wie wir eine Alltagsmobilität von Tür zu Tür schaffen können. Sie können daran mitwirken, dass solche innovativen Konzepte tatsächlich in den Markt kommen. Sie sind in einer Branche unterwegs, die eine Dienstleistung von Mensch zu Mensch erbringt. Und Sie können große Dinge auch ganz konkret ins Rollen bringen, indem Sie sich in den Führerstand eines Zuges oder hinter das Lenkrad eines Busses setzen.   

RegioSignaleBlog: Busfahrer:in zu werden empfiehlt auch der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmenen (bdo), und zwar in einem Social Media-Spot, in dem eine junge Frau den Job sucht, der zu ihr passt. Hintergrund ist der Mangel an Fahrer:innen. Der bdo nennt ihn dramatisch und sieht sogar die Verkehrswende in Gefahr. Ist das Alarmismus oder ist das Realismus?  

Christa Singer: Das ist leider realistisch. Der Altersdurchschnitt der Belegschaften ist hoch, viele Beschäftigte sind über 50 und gehen auf die Rente zu. Und viele, die aktuell nachkommen, oft als Quereinsteiger:innen, sind auch schon über 40. Wir reden hier aber nur darüber, die Altersabgänge zu kompensieren, um die Verkehrswende geht es da noch längst nicht. Es kommt heute vor, dass Fahrten ausfallen müssen, weil die Personaldecke zu dünn ist um auf Ausfälle zu reagieren. Und wenn ein Verkehrsunternehmen an einer Ausschreibung teilnimmt, muss es sich ganz genau überlegen, ob es auch mit dem für die Umsetzung nötigen Personal rechnen kann.  

RegioSignaleBlog: Woran liegt’s?  

Christa Singer: Das hat vor allem gesellschaftliche Ursachen. Früher waren Busfahrer und Busfahrerinnen Leute, deren Arbeit man respektierte, die man kannte, bei denen man sich beim Aussteigen sogar bedankte. Das gibt es heute noch in anderen Ländern, bei uns kaum mehr. Und viele junge Leute haben den Beruf auch gar nicht mehr auf der Liste. Wir haben in Deutschland einen Trend weg von Hand-und-Herz-Berufen und hin zu Kopfberufen. Im gesellschaftlichen Ansehen ist es mehr wert, eine Lehre in einem Büro zu machen als etwa in die Pflege zu gehen oder eben Bus zu fahren. Auch wenn man im Büro vielleicht nur Mails sortiert oder SAP-Freigaben verschickt, um es mal überspitzt zu sagen.  

RegioSignaleBlog: Was lässt sich gegen mangelnde Wertschätzung tun?  

Christa Singer: Wir brauchen einen anderen gesellschaftlichen Fokus, nicht nur mit Blick auf Busfahrer:innen. Die ganze Verkehrsbranche erfüllt gesellschaftliche Grundbedürfnisse, etwas, das einfach da sein muss und als selbstverständlich gilt. Wer diese Leistungen eigentlich erbringt, daran verschwendet kaum jemand einen Gedanken. Aber das sind Berufe und Beschäftigte, ohne die unser Land schlicht nicht funktionieren würde. Das gehört ins Rampenlicht – da muss man ansetzen. Und da passiert auch einiges, der bdo und der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen sind sehr rege, werben für das gesellschaftliche Thema und die Berufe der Verkehrsbranche.  

RegioSignaleBlog: Die Bundesregierung hat sich vorgenommen, die Einwanderung von Fachkräften zu erleichtern, was auch die Berufsausbildung in Unternehmen umfassen soll. Der Verband der Verkehrsunternehmen begrüßt das ausdrücklich. Sind mehr Kolleginnen und Kollegen, die aus dem Ausland nach Deutschland kommen, ein Teil der Lösung? 

Christa Singer: Ja, ganz sicher. Menschen aus dem Ausland sehen die Chancen und sind dankbar, sie machen den Job gerne. Damit verbunden ist natürlich immer die Frage der Integration, im privaten sozialen Umfeld und auch in den Betrieben. Wir machen da bei uns sehr viel, angefangen bei einfacher Sprache, damit diese Hürde möglichst gering ist, bis hin zum gemeinsamen Grillen auf dem Betriebshof und zum Mitarbeiterfest.  

RegioSignaleBlog: Welche Rolle spielen das Gehalt und die Arbeitsbedingungen für die Attraktivität?  

Christa Singer: Wir sind sehr weit vom Mindestlohn entfernt, was ich total gut finde. Aber ich glaube auch nicht, dass das Gehalt das Allheilmittel ist, weil die Attraktivität eben an vielen Faktoren hängt. Was die Arbeitsbedingungen betrifft: Natürlich gehören hinter dem Steuer Schicht- und Wechseldienst dazu. Das lässt sich nicht ändern, aber wir können auf die Bedürfnisse der Kolleginnen und Kollegen eingehen und tun das bei uns auch. Wer zu bestimmten Zeiten nicht kann, zum Beispiel um Kinder zu betreuen, sollte dann auch nicht eingeplant werden. Wer geteilte Dienste gut findet, um zwischendrin den Garten zu bestellen oder ins Schwimmbad zugehen, sollte sie machen können. Die Mitarbeiter:innen nicht nur als zu verplanende Ressource zu betrachten, sondern sie als Personen ernst zu nehmen, das ist eben auch ein Teil der notwendigen Wertschätzung und des Respekts.  

RegioSignaleBlog: Sie sagten, dass die meisten neuen Fahrer:innen im Quereinstieg zu Ihnen kommen. Die Branche beklagt hier, dass die Ausbildung teuer ist und lange dauert. Der bdo fordert daher, die Berufskraftfahr-Grundqualifikation in die Fahrausbildung zu integrieren, weil das den ganzen Prozess strafft. Wie ist Ihre Haltung?  

Christa Singer: Wir sind hier in engem Austausch mit dem bdo und unterstützen das sehr, auch weil es riesige Unterschiede in Europa gibt. In Deutschland sind für die Fahrerausbildung viel mehr Pflichtstunden notwendig als zum Beispiel in Österreich, wo der Standard in Sachen Service und Sicherheit genauso hoch ist wie bei uns. Daran sollten wir uns orientieren.  

RegioSignaleBlog: Wie steht DB Regio bei der Personalakquise für den Busverkehr da?  

Christa Singer: Wir beschäftigen im Linienbusverkehr rund 10.000 Mitarbeiter:innen, davon rund 8.500 im Fahrdienst. Wir stellen im Jahr rund 1.500 Fahrer:innen ein, also eine wirklich große Zahl. Trotzdem dürften das gerne auch mehr sein. Wir würden uns freuen!