Lichtensteig-zukunft-bahnhof

 Mit Table Dance aus dem Abwärtsstrudel

Es passiert selten, aber es kommt vor: Manchmal reicht eine Table Dance Bar, um den bedeutendsten städtebaulichen Preis der Schweiz zu gewinnen.

Jedenfalls dann, wenn die Empörung über die geplante Eröffnung eine Gemeinde im Abwärtsstrudel dazu bringt, das Ruder herumzureißen und sich neu zu erfinden. Lichtensteig ist genau das gelungen. Auf halber Strecke zwischen Zürich und St. Gallen gelegen, hat sich die 2000-Seelen-Gemeinde dem Niedergang der Textilindustrie erfolgreich entgegengestemmt und als lebenswerte „Mini.Stadt“ mit urbanem Lebensstil in ländlicher Umgebung positioniert. Dafür ist sie jetzt mit dem renommierten Wakkerpreis ausgezeichnet worden. 

Bahnhof als Inkubator 
Nun wird die Erfolgsgeschichte mit dem Bahnhofsquartier in der Hauptrolle von der eigens gegründeten Stiftung zukunft.bahnhof fortgeschrieben: Rund um die historische Bahnhalle aus dem späten 19. Jahrhundert entsteht ein gemeinwohlorientierter Wohn-, Arbeits- und Lernort, der unterschiedliche Generationen zusammenbringen und innovativen Projekten ein progressives Umfeld bieten soll. „Wir wollen das Areal in einen inspirierenden Begegnungs- und Kulturort mit sozialpolitischem und wirtschaftsökologischen Vorbildcharakter verwandeln, an dem die Transformation hin zu einer enkeltauglichen Gesellschaft im Kleinen erprobt werden kann“, sagt Martin Hohn, der das Projekt zukunft.bahnhof als Co-Founder maßgeblich mitgestaltet hat. 

Progressive Provinz 
Den Segen von Mathias Müller, Präsident von Gemeinde und Stiftungsrat, hat er. Müller ist nicht nur mit der ganzen Gemeindeverwaltung in das leerstehende Bankgebäude umgezogen,  um im Rathaus Platz für ein Kulturzentrum samt Artists-in-Residence-Programm zu schaffen. Er sieht die Gemeinde auch als regionalen Innovationsmotor. „Lichtensteig tickt ganz anders als das ländlich geprägte Toggenburg. Hier leben eher junge, offene Leute. Wir arbeiten partizipativ, nehmen die Menschen mit ins Boot, wollen die freien Räume entwickeln und nutzen.“ 

Geht es nach der Stiftung, wird es in der kürzlich erworbenen Bahnhalle bald ebenso lebhaft zugehen wie im ehemaligen Rathaus. „Wir suchen 20 Kreative und Digitalarbeiter:innen, die das Landleben auf Zeit testen wollen. Menschen, die für ihre Arbeit nur einen schnellen Internetzugang benötigen und die Zukunft von Lichtensteig mitprägen möchten. Dafür bieten wir ein Rundum-Sorglos-Paket, bestehend aus einer möblierten Wohnung mit Internet sowie kostenlosem Zugang zu unserem Coworking Space“, wirbt Hohn für das nächste Etappenziel. Starttermin ist der erste Mai, am 31. Oktober fällt der Vorhang. 

Summer of Pioneers erstmals in der Schweiz 
Summer of Pioneers nennt sich der Deal, bei dem die einen das Leben in ländlichen Regionen kennenlernen und die anderen auf neue Impulse für das Leben vor Ort hoffen können. Idee und Konzept stammt von Neulandia, einer Organisation, die sich gemeinwohlorientierte Regionalentwicklung auf die Fahnen geschrieben und mit diesem kooperativen Ansatz schon zahlreiche Preise eingeheimst hat. Nach mehreren Projekten in Deutschland findet der Summer of Pioneers nun erstmals in einem Nachbarland statt. 

„Lichtensteig hat einen unvergleichlichen Transformationsprozess in Gang gesetzt. Wir sind froh, dass wir die Stiftung zukunft.bahnhof mit dem Summer of Pioneers unterstützen und gemeinsam dazu beitragen können, die Erfolgsgeschichte von Lichtensteig fortzuschreiben“, freut sich Gründer und Geschäftsführer Frederik Fischer, der von der Stiftung mit ins Boot geholt wurde. Die Initiative dazu ging von Hohn aus: „Ich verfolge die Arbeit von Frederik mit Neulandia schon eine Weile. Für uns ist der Summer of Pioneers ein ideales Format, das die Werte und Ziele unseres Projektes und der Stadt Lichtensteig teilt. Somit war es eine klare Entscheidung.“