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 Eine fantastische Migrationsperspektive

Alternative Antriebe sind im Kommen. Ob sie auch bleiben, verrät Prof. Dr.-Ing. Arnd Stephan, Inhaber des Lehrstuhls für Elektrische Bahnen an der TU Dresden.

RegioSignaleBlog: Sechs Jahre nach der Ausschreibung geht in Schleswig-Holstein Deutschlands erstes Akkunetz an den Start. Ging das so schnell, weil die Technik schon in der Schublade lag?

Prof. Arnd Stephan: So schnell war es eigentlich gar nicht. Schließlich denkt man spätestens seit 2010 darüber nach, wie man Dieselnetze in Zukunft bedienen und den Verkehr ohne Diesel organisieren kann. Die Fahrzeugentwicklung war da deutlich schneller. Die ist erst in den letzten fünf Jahren so richtig in Fahrt gekommen, nachdem die Auftraggeber in ihren Ausschreibungen angekündigt hatten, dass sie etwas anderes als Diesel haben wollen. 

RegioSignaleBlog: Haben noch andere Faktoren hineingespielt?

Prof. Arnd Stephan: Wie immer ist Vieles zusammengekommen. Wir dürfen ja nicht vergessen, dass die heutigen Dieseltriebfahrzeuge alle um die 10, 20 manche sogar schon 30 Jahre alt sind. Es steht also ohnehin ein Austausch bevor und in solchen Phasen überlegt sich natürlich jeder Hersteller, wie er seine Produktpalette noch erweitern kann. Hinzu kommen die Dieselkrise beim Auto, der politische Druck, die CO2-Emissionen zu senken – das sind alles Dinge, die diese Entwicklung befeuert und die Hersteller animiert haben.

RegioSignaleBlog: Aktuell scheint der Akku gut im Rennen zu liegen. Warum ist das so? Es gibt ja auch andere Optionen.

Prof. Arnd Stephan: Rund 70 Prozent aller Dieselfahrten enden heute unter Oberleitung. Es liegt also relativ nahe, dass man auf diese Technologie setzt, weil sie das eine mit dem anderen – also das elektrische mit dem Dieselnetz – sehr gut verbinden kann. Nicht umsonst entpuppen sich die Akkunetze, über die wir gerade reden, bei näherem Hinsehen eher als Kombination aus Oberleitung und Akkunetzen. Es gibt ja auch andere Technologien. Aber die bieten diesen Vorteil im Moment eben nicht. Darüber hinaus muss man ganz klar sagen: Dort wo die Bahn leistungsfähig und wirtschaftlich sein muss, ist sie immer elektrisch. Das ist auch der Grund, warum wir diese Technologie jetzt in so großer Vielfalt sehen.

RegioSignaleBlog: Sehen Sie Akkunetze als Brückentechnologie, die solange bleibt, bis sich Elektrifizierung überall rentiert, oder ist die Batterietechnologie gekommen um zu bleiben?

Prof. Arnd Stephan: Es ist wie immer – die Wahrheit wird irgendwo in der Mitte liegen. Es wird sicher Zuwächse in der Elektrifizierung geben. Bei leistungsfähigeren Verkehren, also immer, wenn es schnell geht, sagen wir über 160 km/h, oder wenn Güterverkehr fährt, lohnt sich Elektrifizierung. Es wird aber auch Rest- und Stichnetze geben, auf denen leichte Zwei-, maximal Dreiteiler im Regionalverkehr mit Batterietechnologie fahren und sie wird dort auch sicherlich bleiben. Schön an der Batterietechnologie ist, dass sie eine fantastische Migrationsperspektive bietet. Da kann ein Elektrifizierungsprojekt dann auch ruhig einmal fünf Jahre länger dauern, schließlich kann man ja trotzdem schon fahren. Das ist auch der Grund, warum sich viele Aufgabenträger letzten Endes für die Batterieelektrik ausgesprochen haben. Die Migrationsperspektive ist da praktisch schon eingebaut.

RegioSignaleBlog: Welche Rolle spielen denn Wasserstoff und Brennstoffzellen in diesem Szenario? Wo liegt der Charme dieser Technologie?

Prof. Arnd Stephan: Der Charme liegt erst einmal darin, dass es wirklich mal was ganz Neues ist. Neue Dinge haben es allerdings auch schwerer, weil sie andere Schnittstellen fordern oder andere Geschäftsmodelle voraussetzen – und dann muss es in den Netzen noch Anwendungsfälle geben, bei denen die neue Technologie im Vergleich zur etablierten Vorteile entfaltet. Da schauen wir heute natürlich so ein bisschen in die Glaskugel, denn wir wissen ja nicht genau, wie sich Diesel-, Strom- und Wasserstoffpreise entwickeln werden. Grundsätzlich ist Wasserstoff interessant. Aber im Eisenbahnsektor lohnt er sich gegenüber anderen Technologie nur bei relativ geringem Verkehrsaufkommen auf langen, nicht elektrifizierten Strecken. Der Markt ist also überschaubar, aber es gibt ihn. Wir sehen ja schließlich auch Bestellungen für Wasserstoffzüge.

RegioSignaleBlog: Werfen wir noch einen Blick in die Glaskugel. Ist irgendwo eine Innovation in Sicht, die genug disruptives Potenzial hat, um den Eisenbahnsektor komplett neu auszurichten?

Prof. Arnd Stephan: Man sollte solche Möglichkeiten nie ausschließen. Sie beflügeln schließlich die Phantasie und den Erfindergeist der Ingenieure und Ingenieurinnen. Wir haben aber eben auch gelernt, dass sich die Dinge im Verkehr sehr langsam entwickeln und auch sehr beständig sind. Ich gehe deshalb davon aus, dass radikale Innovation eher aus einer ganz anderen Richtung kommen wird. Vielleicht gelangen die Menschen ja irgendwann zu der Überzeugung, dass sie kein Massenverkehrssystem brauchen, weil sie lieber da bleiben, wo sie sind und Güter regional erzeugen. Das wäre tatsächlich disruptiv - ist aber kein Thema der Antriebstechnik.