Anschluss per App

Fahrgäste in Bayern können ihren Anschlusswunsch künftig per App anmelden – und bekommen per Push-Nachricht Antwort.

Am Anfang stand ein gemeinsamer Pilot von DB Regio Bayern und der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG), die den SPNV im Freistaat plant, kontrolliert und finanziert. 2018 testeten die Partner ein Konzept, bei dem die Reisenden verspäteter Züge ihren Anschlusswunsch per App anmelden können. Mit einbezogen wurden neben DB Regio Bayern auch das Regio-Netz Südostbayernbahn (SOB) sowie das in Bayern tätige Eisenbahnverkehrsunternehmen Agilis. Die Erfahrungen aller Beteiligter waren positiv. Jetzt macht die BEG Nägel mit Köpfen und will das Konzept ab Mitte 2022 bayernweit umsetzen. Dabei wird eine Software die komplexe Informations- und Prozesskette vom Anschlusswunsch der Fahrgäste zum Verkehrsunternehmen und wieder zurück steuern. Und die Reisenden werden per Push-Nachricht auf Handy informiert, ob ihr Anschlusszug warten kann. Angela Nusser leitet das Projekt aufseiten der BEG. Patrick Pönisch, Geschäftsleiter Marketing, ist Gesamtverantwortlicher bei DB Regio Bayern.


Beim Projekt Anschlussvormeldung per App standen vermutlich Ärgernisse aufseiten der Fahrgäste am Anfang. Richtig?

Nusser: Ja natürlich, die gibt es leider immer wieder, denn ein Anschlussverlust kommt in der Regel einer Verspätung von einer Stunde gleich. In unseren Verträgen steht zwar, dass die Verkehrsunternehmen fünf Minuten auf verspätete Zubringerzüge warten müssen. Aber durch die Vielzahl der Beteiligten, also die jeweiligen Verkehrsunternehmen und DB Netz, ist die rechtzeitige Kommunikation untereinander oft schwierig. Und unsere BEG-eigene Datenbank zur Anschlusserreichung bestätigt, dass immer wieder Anschlüsse nicht gehalten werden, obwohl das mit nur wenigen Minuten warten möglich gewesen wäre.

Pönisch: Das Erreichen der Anschlüsse ist eines der wichtigsten Kriterien für die Kundenzufriedenheit, das zeigen unsere Marktforschung und spezifische Kundenbefragungen ganz deutlich. Und was wir auch gesehen haben: Bei den Fahrgästen besteht ganz klar der Wunsch, bei Verspätungen ihre Anschlüsse autonom vormelden zu können, damit sie möglichst erreicht werden.


So kam dann das Pilotprojekt von 2018 zustande?

Pönisch: Ja, das war gewissermaßen der Nukleus. Wir haben das Vorprojekt mit wenigen Beteiligten erst einmal bewusst klein gehalten. Das Thema Anschlüsse ist ja an sich hoch komplex, und was wir da getestet haben, gab und gibt es europaweit und vielleicht sogar weltweit noch nicht.

Nusser: Es ging erst einmal darum, die Machbarkeit zu prüfen, weil eben sehr viele Beteiligte mitwirken müssen. Wir haben uns gefragt, wie dieser Prozess digital und automatisiert erfolgen könnte. Bis jetzt läuft das alles überwiegend noch über Telefon.

 

Wie stellt sich das Konzept praktisch für die Reisenden dar und was sind die Vorteile für sie?

Pönisch: Für die Fahrgäste gibt es bei Anschlussverbindungen zwei Stressmomente. Erstens: Was muss ich tun und an wen kann ich mich wenden, damit der Anschluss wartet? Und zweitens: Wartet mein Anschluss tatsächlich, erreiche ich den Zug noch oder nicht? In beiden Situationen gibt die Vormeldung per App Sicherheit.

Nusser: Der Fahrgast hinterlegt seine Verbindung zu Beginn seiner Reise in einer Fahrplan-App und wird durch diese automatisch informiert, wenn der Zug verspätet und der Anschluss gefährdet ist. Er kann dann seinen Anschlussbedarf per App selbst vormelden und ist nicht darauf angewiesen, dass ein Zugbegleiter in der Nähe ist und den Anschlusswunsch aufnimmt oder in der Leitstelle jemand die kritischen Anschlüsse von sich aus erkennt. Der ganze interne Prozess, der nötig ist, damit der Anschlusszug nach Möglichkeit wartet, wird in der Folge automatisch in Gang gesetzt. Durch die aktive Benachrichtigung muss der oder die Reisende nicht ständig die Uhr im Blick haben und darauf aufpassen, ob es mit dem Anschluss eng wird. Klar ist aber, dass wir auch mit der App nicht garantieren können, dass jeder Anschluss funktioniert. Dafür ist der Bahnbetrieb zu komplex, da spielen viele Randbedingungen eine Rolle. Aber wir werden die Fahrgäste auch nicht im Regen stehen lassen, wenn es nicht klappt, sondern Feedback über die Gründe geben und dann auch über alternative Reiseverbindungen informieren.

Ist das Konzept dann im Wesentlichen ein Tool zur Verbesserung der Kommunikation und der Reisendeninformation oder greift es auch in die Disposition ein?

Pönisch: Es erleichtert die Arbeit der Disponentinnen und Disponenten und greift insoweit durchaus in Prozesse ein. Die Leitstellen werden nicht mehr quasi auf Zuruf, sondern automatisch informiert. Damit lässt sich auch abschätzen, wieviele Reisende betroffen sind.

Nusser: Die verbesserte Fahrgastinformation kommt noch hinzu, aber primär soll das System den tatsächlichen Anschlussbedarf der Fahrgäste erkennen und damit die Anschlusssicherung verbessern. Es gibt auch ganz unmittelbare Effekte für die Anschlusssicherheit. Im Vorprojekt wurden mehr als 50 Knoten identifiziert und von DB Netz überprüft, wo Wartezeiten von zwei Minuten betrieblich unbedenklich sind. Dort kann der Anschluss bei Wartezeiten innerhalb dieser Zeitspanne künftig fast automatisch gesichert werden.

 

Die BEG will mit einer neuen Softwarelösung den Informationsfluss optimieren und sicherstellen. Was ist da geplant?

Nusser: Wir haben die Software gerade ausgeschrieben. Sie ist gewissermaßen das Herz des Konzepts, weil sie als Datenverarbeitungssystem die Schnittstelle zu den Leitstellen und Reisendeninformationssystemen darstellt und den ganzen Prozess automatisiert vollzieht.

 

Bayern geht voran, aber die Anschlusssicherung ist ja generell ein wichtiges Thema. Gibt es Interesse aus anderen Regionen und Bundesländern?

Nusser: Wir werden das Projekt im nächsten Jahr bayernweit zunächst im SPNV ausrollen und sehen im Anschluss auch Möglichkeiten im Regionalbusverkehr. Wir streuen unser Projekt aber auch bundesweit, in der Hoffnung, dass viele aufspringen – egal ob Aufgabenträger oder Verkehrsunternehmen. Wir haben deshalb die Software so ausgeschrieben, dass sie für alle geöffnet werden kann, die Interesse daran haben.

Pönisch: Wir tun uns hier in Bayern ja in trauter Regelmäßigkeit als Innovationsschmiede hervor. Beispiele dafür sind die Streckenagent-App, die wir in Bayern gemeinsam mit der BEG entwickelt haben, und der Innovationszug als gemeinsames Projekt der BEG und der Südostbayernbahn. Ein großes Dankeschön an die BEG, dass sie uns die Möglichkeit gibt, gemeinsam und mit finanzieller Unterstützung Innovationen voranzutreiben!