„Zukunft ist jetzt. Nicht morgen oder übermorgen!“

Wie wird aus Ideen Wirklichkeit? Worauf kommt es an, wenn es darum geht, Menschen mit in die Zukunft zu nehmen? Und was macht den Ideenzug eigentlich einzigartig? Im RegioSignaleBlog loten EU-Jugendbotschafter Ali Mahlodji und Dagmar Hirche, Mitgründerin und Vorsitzende des Vereins ‘Wege aus der Einsamkeit’, Schnittmengen und Bruchstellen von Entwicklungs- und Innovationsprozessen aus.

RegioSignaleBlog: Der Ideenzug sieht nicht nur futuristisch aus. Bei der Diskussion über die präsentierten Lösungen war auch viel von der Zukunft die Rede. Dagmar hat dann ganz apodiktisch festgestellt: „Zukunft ist jetzt!“ Siehst Du das auch so, Ali?

Ali: Definitiv. Zukunft wird aus dem Hier und Jetzt heraus gestaltet. Nicht morgen oder übermorgen.

RegioSignaleBlog: Dagmar, wenn Du gerade mal nicht Bahn fährst, bringst Du älteren Menschen den Umgang mit Smartphones, Zoom oder der Corona-App bei. Was hält ältere Menschen von der digitalen Teilhabe ab?

Dagmar: Die Gründe sind so verschieden wie die Menschen selbst und die Situationen, in denen sie leben. Das ist auch keine Frage des Alters. Wer von Grundsicherung lebt wird sich kein WLAN leisten können. Bei einer Familie mit drei Kindern und nur einem Computer wird das Home Schooling kaum oder gar nicht funktionieren. Mangelnde Englischkenntnisse sind auch ein Hürde, weil alte Menschen meist ohne Englisch aufgewachsen sind.


RegioSignaleBlog: Und auf der Anwendungsebene?

Dagmar: Icons, Symbole und hinterlegte Funktionen bereiten oft große Schwierigkeiten. Für alte Menschen ist es nicht nur sehr mühsam, sich diese Zusammenhäng zu erschließen. Sobald sich Farbe, Form oder Position ändert, geht es für sie auch wieder von vorne los. Als Google einmal das Menü-Symbol im Playstore verändert hat, stand bei mir das Telefon nicht mehr still, weil die Leute die Apps nicht mehr gefunden haben.


RegioSignaleBlog: Ali, Jugendliche gelten als Digital Natives und Treiber der Transformation. Aber partizipieren sie deshalb automatisch umfassend an der digitalen Gesellschaft?

Ali: Nur weil Jugendliche Geräte und Anwendungen wie selbstverständlich bedienen, heißt das nicht, dass sie sich mit derselben Souveränität in der digitalen Welt bewegen und sie verstanden haben. Wir Erwachsenen gehen aber viel zu oft genau davon aus und lassen sie mit ihren Nöten allein, weil wir uns nicht vorstellen können, was es für Kids bedeutet, plötzlich weniger Likes zu bekommen oder ein paar Follower zu verlieren. Das ist für sie ein Schlag ins Gesicht und deshalb sind ja auch so viele depressiv. Partizipation geht anders – und wir versäumen es, die Kids dazu zu befähigen.


RegioSignaleBlog: Ihr eröffnet Perspektiven, helft Menschen, sich weiter zu entwickeln. Welche Rolle spielt Neugier in so einem Prozess der Selbsterneuerung?

Dagmar Neugierig sind meine Leute schon. Aber diese Neugier ist immer mit der Einsicht in die Notwendigkeit gepaart, etwas lernen zu müssen, um nicht abgehängt zu werden. Tatsächlich ist es die erste Generation, die wirklich gezwungen ist, in hohem Alter in eine neue Welt einzutauchen. Wir müssen sie also da abholen, wo sie sind und dürfen ihnen nichts überstülpen. Deshalb gibt es bei uns auch kein Programm, sondern wir sprechen über das, was den Leuten auf den Nägeln brennt. Aktuell sind das Dinge wie die Corona App oder der digitale Impfausweis.

RegioSignaleBlog: Erkennst Du Deine jüngere Klientel in diesen Beschreibungen wieder?

Ali: Bei jungen Menschen funktioniert das im Prinzip ganz ähnlich. Allerdings müssen sie meist erst die Fähigkeit entwickeln, lange genug dranzubleiben, damit die Neugier sie packt. Aber Freiwilligkeit und Interesse sind definitiv der Schlüssel zu bereicherndem Lernen. Das gilt übrigens auch für das Corporate Learning. Da geht es immer dann richtig gut voran, wenn man die Leute fragt, was sie interessiert, um aus ihren Antworten heraus Lernangebote zu entwickeln. Die nehmen sie dann nämlich gerne wahr und hängen sich auch mit Ende 50 noch richtig rein.

RegioSignaleBlog: Wir haben jetzt viel über Lernen und Entdecken gesprochen. Brechen wir das mal auf den Ideenzug herunter. Was haltet ihr vor dem Hintergrund Eurer Erfahrungen von der Art, wie der Ideenzug Innovationsprozesse anstößt?

Dagmar: Der Film, der den Ideenzug vorstellt, zeigt eigentlich nur junge, perfekte Menschen. Aber wo sind die alten Menschen? Wo sind die Rollatoren? Die Kofferablagen oder der Kinderwagen? Mir kommt in solchen Zukunftsvisionen immer die Diversität der Menschen zu kurz, weil diese Wirklichkeit darin nicht vorkommt. So gesehen verkörpert der Ideenzug für mich eine perfekte Welt für perfekte Menschen. Die Welt ist aber nicht perfekt, sondern so wie sie eben nun mal ist.

Ali: Schon allein der Umstand, dass ein Mindset existiert, in dem ein Zug vorstellbar ist, in den Ideen fließen können, ist ein Riesenschritt in die richtige Richtung. Denn wenn jetzt einer kommt und fragt, „Hey, wo ist denn hier Platz für meinen Rollator oder meinen Kinderwagen“, dann kommt die Anregung schon ziemlich sicher bei den Richtigen an. Ebenso bemerkenswert finde ich, dass hier ein Raum entstanden ist, in dem sich über 50 verschiedene Unternehmen austauschen, gemeinsam Ideen verfolgen und kooperieren. Das ist ein Novum, obwohl es in einer digitalisierten Welt eigentlich selbstverständlich sein sollte. Für Jugendliche ist es zum Beispiel das Normalste der Welt, ihr Handy zu nehmen und sich mit anderen Jugendlichen irgendwo auf diesem Planeten zu vernetzen. In einem Unternehmen so einen Prozess anzustoßen, ist ein riesiger Kraftakt – und da kann man ruhig auch mal bisschen stolz drauf sein. Ich finde, dieser Prototyp ist ein Beispiel dafür, wie Entwicklung in der Zukunft aussehen kann. Denn hier ging es heute nicht darum, sich selbst zu feiern. Sondern ein Experiment auf die Bühne zu bringen, Vorschläge zu präsentieren, gemeinsam darüber zu reden und dabei eben auch die Finger auf die Wunden zu legen, die es nun einmal gibt.