„Wir haben zu wenig Zeit, um auf KI zu verzichten“

Alessandro Brandolisio ist ursprünglich Industriedesigner. Heute befasst er sich als KI- und Innovationsstratege intensiv mit dem Einsatz Künstlicher Intelligenz in Unternehmen.

Er ist sich sicher: Ohne KI lassen sich bahnbrechende Innovationen wie sie etwa für die Bewältigung des Klimawandels nötig sind, nicht schnell genug verwirklichen. Viel Potenzial sieht er auch im ÖPNV.

RegioSignaleBlog: Mit der Mobilitätswende bricht die Gesellschaft in eine Zukunft auf, deren Umrisse sich bisher nur schemenhaft abzeichnen. Könnte Künstliche Intelligenz (KI) auch hier Licht ins Dunkel bringen, oder stünde ihr bei den dafür nötigen Prognosen die eigene Datenbasis im Weg, die ja mehrheitlich Vergangenes abbildet?

Alessandro Brandolisio: Nein, auf keinen Fall. Gerade die Fähigkeit zu extrapolieren gehört ja zu den zentralen Stärken von KI. Klar sind Echtzeitdaten eine Sekunde später schon wieder Vergangenheit. Aber KI befähigt eben auch dazu, in Echtzeit zu extrapolieren und zu prognostizieren. Die Google Tochter DeepMind hat gerade ein Verfahren entwickelt, dass mit 89-prozentiger Sicherheit prognostizieren kann, wann es wo regnet. Es sind aber auch ganz andere Szenarien denkbar, in denen auf Basis von Bestand- und Echtzeitdaten mit großer Treffsicherheit zukünftige Ereignisse prognostiziert werden. Die Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit ist eines davon. Aktuell werden beispielsweise Algorithmen entwickelt, mit deren Hilfe sich ermitteln lässt, wie Gesetze und Richtlinien umgestaltet werden müssten, um eine möglichst faire Teilhabe am gesellschaftlichen Wohlstand zu erreichen. Das Erstaunliche: Da kommen völlig überraschende Ergebnisse bei raus, Resultate, auf die wir mit existierenden ökonomischen Modellen oder Theorien niemals gekommen wären. Das ist wirklich faszinierend.

RegioSignaleBlog:  Die Verkehrswende gelingt nur, wenn Menschen ihre Gewohnheiten ändern. Kann KI den dafür nötigen Kulturwandel beschleunigen?

Alessandro Brandolisio: Ja, absolut. Wenn wir’s mal ganz platt sagen: Amazon macht nichts anderes, damit wir noch ein Produkt und noch ein Produkt und nochmal noch eins kaufen. Dieses Nudging, wie es in der Verhaltensforschung genannt wird, ist ein Riesenthema und die großen Tech-Unternehmen investieren da Milliardensummen, um User auf mehr oder weniger subtile Art dazu zu bringen, ein bestimmtes Verhalten an den Tag zu legen. Natürlich sind da mehrere Dimensionen und Disziplinen wie intuitives Design oder Verhaltenspsychologie im Spiel. Aber letztlich werden eben doch auf allen Ebenen Daten generiert, deren Auswertung und anschließende Verwendung für die Erstellung belastbarer Zukunftsprognosen am besten mit KI gelingt. Allerdings muss man diese Daten erstmal überhaupt erstellen oder sammeln, damit KI sie verarbeiten kann. Deshalb ist es auch so wichtig, den Menschen in regelmäßigen Abständen immer wieder in diesen Prozess einzubinden. Schließlich passiert die Verhaltensänderung bei uns Menschen. KI ist lediglich ein Hilfsmittel, das Entwicklungsverläufe nur auf Basis ausgewerteter und neu generierter Daten extrapolieren kann.

RegioSignaleBlog: Wäre sie auch für die Angebotsentwicklung geeignet? Etwa, um schneller Produkte zu identifizieren, die das Mobilitätsverhalten auf eine bestimmte Art beeinflussen?

Alessandro Brandolisio: Das ist ein sehr schöner Punkt, weil er exakt eines der Beispiele aufgreift, die wir in unserem Buch vorgestellt haben. Apps etwa werden schon heute mit Hilfe automatisierter Nutzertests weiterentwickelt, indem man einem KI-System erst die gesammelten Interaktionsfehler und Erfahrungen aller bisherigen Nutzer beibringt, um dann in einem zweiten Schritt mithilfe von KI-generierten Verbesserungsvorschlägen beispielsweise die Usability zu optimieren. Heißt konkret: Die Designer dieser App erfahren durch diese zuvor durchgeführte, datengetriebene Analyse in Echtzeit, wie ihre menschlichen Nutzer ticken und können deshalb auch schneller und zielgerichteter entwickeln. Das ist meiner Meinung nach auch genau der Punkt, auf den es jetzt bei Innovationsprozessen ankommt. Denn es hilft uns Gestaltern und Innovatoren dabei, den Menschen da draußen, die sich mit all diesen Details nicht auseinandersetzen möchten, genau das zu bieten, worauf es ihnen ankommt: ein gutes Nutzererlebnis, das ihren Bedürfnissen entspricht.

RegioSignaleBlog: Du hast ja auch Industrie- und Transportation Design studiert. Fällt Dir spontan ein Szenario ein, in dem man die User Experience im ÖPNV mit Hilfe von KI verbessern könnte?

Alessandro Brandolisio: Anonymisierte Kameraanalysen zum Beispiel. Mit ihnen lässt sich Nutzerverhalten präzise dokumentieren, was wiederum Voraussetzung dafür ist, bei Bedarf Verhaltensänderungen herbeiführen und bestehende Prozesse verbessern zu können. Genau das – also Nutzerverhalten durch gestalterische Maßnahmen zu steuern –  ist ja im Prinzip auch das tägliche Brot eines jeden Designers. Dieses Prinzip lässt sich auf alles übertragen, weil KI in wachsendem Umfang dazu beitragen wird, das große Bild ganzheitlicher zu verstehen. Warum also soll man durch qualitative Recherche erhobene Daten nicht auch mit einem KI-System kombinieren, das alle möglichen Fahrgastforen analysiert. Ich könnte zum Beispiel herausfinden, was Nutzer:innen von neu eingeführten Maßnahmen halten oder wie sich die User Experience bei Bahnfahrten zwischen 2018 und 2021 geändert hat. Menschen würden so etwas nie und nimmer hinbekommen. Dafür ist die enorme Datenmenge einfach schier zu groß. Für KI ist das kein Problem – und außerdem haben wir bei Projekten wie der Verkehrswende schlicht und ergreifend zu wenig Zeit, um auf KI zu verzichten.