Foto: Alstom

 „Wir erleben eine rasante Entwicklung“

Vor den Toren Frankfurts geht die weltgrößte Personenverkehrsflotte mit Brennstoffzellenzügen in Betrieb. Der Startschuss fällt im Dezember auf dem Taunus-Netz.

Mit 27 Brennstoffzellenzügen samt erforderlicher Versorgungsinfrastruktur markiert das Taunus-Netz nicht nur Hessens Aufbruch in eine neue Wasserstoffdimension. Das Projekt spielt auch im Rahmen der nationalen Wasserstoffstrategie eine prominente Rolle: Der Bund trägt 40 Prozent der Fahrzeugmehrkosten und beteiligt sich an der Förderung der Wasserstofftankstelle. Das Vorhaben sei ein Leuchtturmprojekt der Brennstoffzellenmobilität, lobte der Parlamentarische Staatssekretär des Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur anlässlich der 2019 beschlossenen Anschaffung der Fahrzeuge.

An dieser Einschätzung hat sich auch drei Jahre später und kurz nach der Vergabe des Taunus-Netzes durch den Rhein-Main-Verkehrsverbund RMV an die DB Regio-Tochter start nichts geändert. „Die Inbetriebnahme der Brennstoffzellenzüge hat große Bedeutung für die Wasserstoffaktivitäten in Hessen. Sie macht die Bedeutung des Wasserstoffs im Transformationsprozess der Energiewende sicht- und erlebbar“, sagt Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir  und hebt dabei die außergewöhnliche Dimension des Projekts hervor. „Hier werden täglich mehrere 100 kg Wasserstoff vertankt, was derzeit noch nirgendwo in dieser Größenordnung praktiziert wird. Daran werden sich hessische und außerhessische Flottenbetreiberinnen und -betreiber orientieren.“

Wasserstoff aus dem Industriepark Höchst

Betankt wird die Flotte mit Wasserstoff, der im Industriepark Höchst in großen Mengen als Nebenprodukt anfällt und bisher verbrannt wurde. Ein zusätzlich installierter Elektrolyseur stellt sicher, dass jederzeit genügend Wasserstoff vorhanden ist. Die Schieneninfrastruktur der ersten Wasserstofftankstelle für Züge fördert das Land mit rund 2,5 Millionen Euro. Wasserstoff- oder batterieelektrische Züge seien insbesondere dort eine interessante Option, wo eine vollständige konventionelle Elektrifizierung mit Oberleitung aus topographischen, technischen oder anderen Gründen besonders aufwändig und teuer wäre, heißt es im hessischen Wirtschaftsministerium.

Luft nach oben bleibt trotzdem. „Auf lange Sicht brauchen wir bei zunehmendem Wasserstoffeinsatz grünen, also mit Strom aus erneuerbaren Quellen hergestellten Wasserstoff“, erläutert Al-Wazir. „Er kann dann dort zum Kernelement zukunftsfähiger und klimaneutraler Verkehre werden, wo eine direkte Elektrifizierung oder Stromspeicherung nicht möglich ist. Das heißt aber auch: Wer Wasserstoff will, muss den Ausbau erneuerbarer Energien massiv beschleunigen.“

Hochleistungsbatteriesysteme kommen aus Hessen

Hessen engagiert sich bereits seit vielen Jahren für die Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie. Rund um die Transformation der Energie­versorgung ist ein Netzwerk von Zulieferern, Material-­ und Komponentenherstel­lern, kommunalen Unternehmen und Hochschulen entstanden. Das gilt auch für die auf dem Taunus-Netz eingesetzte Wasserstoff-Flotte: Die in den Zügen verbauten Hochleistungsbatteriesysteme kommen ebenso aus Hessen wie die Wasserstoffdruckbehälter, die Systemtechnik für die Betankung, das Getriebe oder die Türen.

Wartung und Instandhaltung der Flotte erfolgen durch die DB Regio AG im Werk Griesheim. Die Beauftragung, so Dr. Jörg Sandvoß, Vorstandsvorsitzender der DB Regio AG, sei wegweisend, Wasserstoff eine Schlüsseltechnologie, mit der die Emissionen im Regionalverkehr weiter gesenkt und der Klimaschutz deutlich vorangebracht werden könnten. „Wir wollen als Deutsche Bahn bis 2040 klimaneutral sein. Alternative Antriebe spielen dabei eine zentrale Rolle“, sagt Sandvoß.

Aufgabenträger und Verbünde in der Pflicht

Die Wasserstofftechnologie, soviel scheint sicher, ist im Schienenverkehr gekommen um zu bleiben. Allerdings sieht Wirtschaftsminister Al-Wazir in Sachen alternative Antriebe auch Aufgabenträger und Verbünde in der Pflicht: „Im Bereich der alternativen elektrischen Antriebstechniken erleben wir derzeit rasante Entwicklungen auf der Fahrzeugseite. Daher ist damit zu rechnen, dass sich die möglichen Einsatzgebiete dieser Fahrzeuge künftig bei gleichzeitig sinkenden Kosten vergrößern werden. Wie eine weitere Ausweitung des elektrischen Betriebes am effizientesten erreicht werden kann, wird seitens der Aufgabenträger beziehungsweise Verkehrsverbünde in jedem Einzelfall zu prüfen sein.“