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 „Die Öffis sind der perfekte Begleiter“

Niki Schmölz ist nicht nur oft mit Bahn und ÖPNV unterwegs. Der Wiener hat auch die Branche im Blick – und plaudert für RegioSignale aus dem österreichischen Nähkästchen. Schon seit Kindertagen ist Niki Schmölz Eisenbahn-Fan. Heute teilt er seine Leidenschaft für die Bahn auf dem eigenen Eisenbahn.blog und anderen Social-Media-Kanälen. Die Allianz pro Schiene hat ihn deshalb zu einem von 14 Bahnbotschafter:innen gekürt – den sogenannten Trainfluencern.

RegioSignaleBlog: Mit 1.500 Kilometern pro Kopf und Jahr sind die Österreicher:innen 2019 mehr Bahn gefahren als alle anderen in Europa. Woher kommt diese hohe Akzeptanz?

Niki Schmölz: Die Bahn steht in Österreich auf einem soliden Fundament. Es gibt schon lange ein vergleichsweise starkes politisches, aber auch finanzielles Bekenntnis zur Schiene. Aktuell sind die Investitionen in die Schieneninfrastruktur höher als je zuvor, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit auf sehr gutem Niveau. Innerhalb der europäischen Union sind wir in beiden Kriterien auf Platz eins. Nur die Schweizer sind noch vor uns – aber die sind ja Gott sei Dank nicht in der EU. (lacht) Das Grundangebot ist einfach sehr gut, was die Infrastruktur betrifft. Außerdem hat die ÖBB in den letzten Jahren auch im historischen Vergleich enorme Summen in die Fahrzeugbeschaffung investiert, vor allem im Nah- und Regionalverkehr. Gleichzeitig ist mit der Westbahn eine Mitbewerberin ins Spiel gekommen. Unter dem Strich hat das ebenfalls zur Angebotsverbesserung beigetragen – was sich wiederum positiv auf das Image ausgewirkt hat.

RegioSignaleBlog: Seit 2019 ist viel passiert. Wie hat sich die Pandemie auf die Verkehrswende ausgewirkt?

Niki Schmölz: Natürlich hat die Pandemie die Menschen in Beschlag genommen und dazu geführt, dass andere Themen ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt sind. Die Verkehrswende als politisches und gesellschaftliches Ziel mag angesichts der akuten Herausforderung durch Corona phasenweise nicht im Fokus gestanden haben, ist aber nie aus dem Blick geraten, wie die Einführung des Klimatickets zeigt. Das Klimaticket ist ein klares politisches Bekenntnis zum öffentlichen Verkehr und zur Bahn in Österreich. Dass man es trotz der Pandemie vorangetrieben hat, verleiht diesem Bekenntnis zur Verkehrswende zusätzliches Gewicht. Gleiches gilt für den Rahmenplan, der in den kommenden fünf Jahren Investitionen im Umfang von 18 Milliarden Euro vorsieht – mehr als je zuvor, und das während der Pandemie. Das hat natürlich auch positive wirtschaftliche Effekte, weil Investitionen in die Infrastruktur der Bahn generell einen sehr hohen Beitrag zur heimischen Wertschöpfung leisten.

RegioSignaleBlog: Du lebst und arbeitest in Wien, einer Stadt, deren ÖPNV-Angebot immer wieder beispielhaft hervorgehoben wird. Wie erlebst Du Mobilität in Wien im Alltag? 

Niki Schmölz: Für mich war der ÖPNV in Wien irgendwie immer normal. Aber wenn man dann einmal in anderen Städten unterwegs ist, merkt man schnell, warum Wien einen so guten Ruf hat. Alle 3 Minuten kommt eine U-Bahn, die Bahnen sind barrierefrei, klimatisiert, sauber und sicher – da summieren sich viele kleine Dinge, die nicht selbstverständlich sind. Im Kern ist aber entscheidend, dass ich mit den Öffis tatsächlich überall hinkomme. Ich habe ein sehr hochwertiges Netz, es gibt ein großes Investitionspaket für die S-Bahnen, die in eine paar Jahre genauso häufig fahren werden wie heute die U-Bahnen. Da muss man nicht viel nachdenken, weil man weiß, dass der nächste Zug eh gleich kommt. Für mich als junger Mensch, der viel in der Stadt unterwegs ist, sind die Öffis der perfekte Begleiter. 

RegioSignaleBlog: Gilt das auch für Menschen, die vor den Toren der Städte leben?

Niki Schmölz: Sicher ist das ÖPNV-Angebot in kleineren Städte und ländlichen Regionen längst nicht so gut wie in den städtischen Zentren. Da ist die Situation in Österreich ähnlich wie in Deutschland. Wir sehen aber auch, dass der ÖPNV über die Grenzen der Stadt ins Umland hineinwächst, Kapazitäten ausgebaut und Verbindungen verdichtet werden. Das gilt insbesondere für Wien. In Wien werden jetzt Straßenbahnen über den Stadtrand hinaus in die Vororte verlängert, von wo die Leute ins Zentrum hinein pendeln. Sie müssen nur noch einsteigen, sind kurz danach mitten in der Stadt oder haben sofort Anschluss an Umsteigeverbindungen, die großräumig mobil machen. Das sind niedrigschwellige Angebote, die sich dem Leben perfekt anpassen. Klar gibt es immer noch Mankos. Aber im Großen und Ganzen bewegt sich der öffentliche Verkehr in die richtige Richtung.

RegioSignaleBlog: Trifft das aus österreichischer Perspektive auch für Deutschland zu?

Niki Schmölz: Österreich und auch die Schweiz werden ja gerne als Benchmark genommen. Aber beide Länder sind nun einmal auch recht klein und deshalb nicht ohne weiteres mit Deutschland vergleichbar. Trotzdem muss man festhalten, dass Verkehrspolitik in Deutschland maßgeblich vom Auto geprägt ist, die Eisenbahn-Infrastruktur dafür aber lange Zeit eine Nebenrolle gespielt hat. Die Pro-Kopf-Investitionen sprechen da ein deutliche Sprache. Die Allianz pro Schiene beziffert sie für Österreich auf 250 Euro, in Deutschland nur auf 80 Euro, obwohl der Verkehr auf der Schiene stetig wächst. Dieses fehlende verkehrspolitische Bekenntnis zur Bahn hat Spuren hinterlassen, die sich heute in vielen Bereichen negativ auswirken. Ein echter Pluspunkt sind hingegen die Hochgeschwindigkeitsverbindungen zwischen den Metropolen. Hier kann die Bahn ihre Vorteile gegenüber Auto und Flieger voll und ganz ausspielen – und so ein ICE ist eben nicht nur was für Verkehrsexperten. Er lässt halt auch das Eisenbahnerherz höher schlagen.