neumann.jpg

 „Auf uns warten noch viele Highlights“

Wenn Jens Nordmann mal nicht im TRAINfluencer-Modus ist, bringt er bei Siemens New Mobility die digitale Zugsteuerung voran. Die Generationen Y und Z machen gerne mit. Jens Nordmann teilt seine Begeisterung für die digitale Zugsteuerung liebend gern auf Social Media. Die Allianz pro Schiene hat ihn deshalb zu einem von 14 Bahnbotschaftern gekürt – den sogenannten TRAINfluencern.

RegioSignaleBlog: Herr Nordmann, die Schiene steckt zwar mitten in der digitalen Transformation. Trotzdem denken nur wenige an Bits und Bytes, wenn sie ins Gleisbett schauen. Gilt das auch für die Generationen Y und Z, oder haben die einen anderen Blick auf die Bahn?

Jens Nordmann: Ich glaube tatsächlich, dass sich die Perspektive gewandelt hat. Man schaut nicht mehr auf das Verkehrsmittel, sondern es geht um die Frage, wie man am besten ans Ziel kommt und die Distanz am schnellsten überbrückt. Deshalb ist das Wichtigste am Bahnfahren mittlerweile das Smartphone. Es gibt Auskunft über Verbindungen,

DSC01562-2_E_Jens_Neu
Jens Nordmann

informiert über Verspätungen oder prognostiziert, wie lange man zu Fuß vom Bahnsteig bis zur Bushaltestelle braucht. Bahnreisende haben das schon längst in ihren mobilen Alltag integriert. Niemand muss mehr mit Unbekannten kalkulieren. Alle verlassen sich auf das Routing per Smartphone. An dieses veränderte Nutzerverhalten müssen wir uns alle anpassen.


RegioSignaleBlog: Macht sich dieser Trend auch bei den Bewerber:innen bemerkbar?

Jens Nordmann: Bei uns melden sich vor allem Menschen, die die technologische Entwicklung mitgestalten und das Bahnfahren verändern möchten. Die jungen Ingenieurinnen und Ingenieure, die heute zu uns kommen, möchten Mobilität nachhaltig gestalten, klimaschädliche Emissionen verringern und umweltfreundliche Alternativen zum Transport auf der Straße entwickeln. Eisenbahnromantik kommt da so gut wie gar nicht mehr vor. Im Kern geht es den jungen Leuten darum, den Wandel hin zu einer nachhaltigen und klimafreundlichen Mobilität aktiv mitzugestalten. Das ist für sie eine bewusste Entscheidung und ein zentrales Motiv, sich bei uns oder anderen Unternehmen im Bahnsektor zu bewerben. Es freut mich, das zu sehen.

RegioSignaleBlog: Der Weg in eine klimafreundliche Mobilität wird aktuell wesentlich von ETCS und ATO geebnet. Werden diese smarten Technologien das städtische Leben ähnlich beeinflussen wie einst die Metros, die das Tor zu einer neuen urbanen Epoche aufstoßen haben?

Jens Nordmann: Es ist immer schwer, künftige Entwicklungen zu prognostizieren und solche Fragen zu beantworten. Aber man möchte ja auch gerne Spuren hinterlassen, und in Hinblick auf das europäische Zugsteuerungssystem ETCS und die Automatic Train Operation ATO glaube ich schon, dass wir das tun werden. Denn beide Systeme werden das Reise- und Nutzungsverhalten beeinflussen. Zwei Punkte spielen dabei eine besonders prominente Rolle: Einerseits ist mit ETCS ein Standard entwickelt worden, der nahtlosen grenzüberschreitenden Bahnverkehr ermöglicht. Andererseits gewährleistet ETCS insbesondere im Zusammenspiel mit ATO einen optimalen Verkehrsfluss, weil ATO Beschleunigungs- und Bremsvorgänge, Geschwindigkeiten und Abstände  ähnlich einem Autopiloten netzweit aufeinander abstimmt. Das erhöht nicht nur die Kapazität bestehender Netze, sondern reduziert auch den Energieverbrauch um bis zu 30 Prozent. Das ist schon ein Fortschritt, der prägt.

RegioSignaleBlog: Anfangs stand bei ETCS die europäische Harmonisierung im Fokus. Nun wird die Technologie auch in Ballungsräumen heimisch. Hatten die Entwickler:innen das von Anfang an auf dem Schirm oder hat man dieses Potenzial erst im Laufe der Zeit erkannt?

Jens Nordmann: Ich glaube, es ist ein Mix aus beidem. Es gibt Visionäre, die haben das im Kopf und tragen es schon seit 30 Jahren mit sich herum. Auf der anderen Seite muss sich aber auch eine Akzeptanz für solche Technologien entwickeln. Deshalb wird die technologische Entwicklung seit jeher maßgeblich von Bedarf und Akzeptanz gesteuert – Kategorien, die aktuell wesentlich von der beschleunigten Urbanisierung und dem damit verbundenen Bedarf an klimafreundlicher Mobilität geprägt sind: Es geht in die Städte, es geht in die Zentren. London ist ein ideales Beispiel dafür. Millionen von Menschen pendeln dort tagtäglich in die City. Dafür muss es nicht nur Systeme geben, die kompromisslos sicher sind. Diese Mobilitätsanforderungen setzen auch eine extrem hohe Systemeffizienz voraus. Genau das realisieren wir durch die Integration von ETCS und ATO.

RegioSignaleBlog: So wie während des ITS-Weltkongresses im letzten Jahr in Hamburg?

Jens Nordmann: Ja, da haben wir mit der digitalen S-Bahn Hamburg gezeigt, dass diese Technologie nicht nur in geschlossenen U-Bahn-Systemen, sondern auch im kommerziellen Betrieb in offenen Netzen reibungslos funktioniert. An solchen Entwicklungen mitwirken zu dürfen, ist ein Erlebnis und zaubert wirklich allen Beteiligten ein Lächeln ins Gesicht.

RegioSignaleBlog: Im Gespräch mit der Allianz pro Schiene haben Sie die vollautomatisierte Jungfernfahrt als Ihr schönstes Eisenbahnerlebnis bezeichnet. Bleibt es vorerst dabei oder sind schon neue Highlights in Sicht?

Jens Nordmann: Ach, da gibt es noch so viele Highlights, die auf uns warten… Das macht unsere Arbeit ja so attraktiv. Ich freue mich jedenfalls jetzt schon darauf, dass unser ICE 3 Neo ab Dezember dieses Jahres auf den Hochgeschwindigkeitsstrecken mit ETCS unterwegs sein wird.